Gesellschaftskunde: Vom Zwang, alles sofort zu bewerten

Gesellschaftskunde : Vom Zwang, alles sofort zu bewerten

Meinungsfreude gilt als dynamisch. Doch wer die Welt nur noch im Bewertungsmodus betrachtet, nimmt nicht mehr mit allen Sinnen wahr.

Der Germanist Wolfgang Steinig betreibt seit 40 Jahren eine Studie, bei der er Grundschulkindern einen Film zeigt und ihn nacherzählen lässt. Ergebnis: 1972 schilderten die Schüler brav, wie drei Jungs einem Mädchen eine Puppe klauen. 2012 schreiben die Kinder lieber: "Ich fand den Film lustig." Oder: "Ich fand es komisch, dass das Mädchen noch mit Puppen spielt." Nacherzählung war gestern, heute wird kommentiert.

Nun kann man es positiv finden, dass Kinder nicht mehr einfach schlucken, was man ihnen vorsetzt, sondern bewerten, was sie sehen. Die Frage ist jedoch, ob in unserer Zeit nicht manches Urteil viel zu hastig gesprochen wird, ob die gründliche Wahrnehmung, die zum Beispiel Voraussetzung für eine Nacherzählung ist, nicht zu kurz kommt bei all dem Urteilseifer. Denn heute ist ja immer gleich eine Meinung gefragt. Urteilsfreude gilt als dynamisch, Gründlichkeit wird mit Langsamkeit verwechselt, gilt folglich als überholte Tugend – Relikt einer Zeit, in der Tüftler das Land voranbrachten. Heute werden aber keine Dampfmaschinen mehr erfunden, sondern Maschinen bedient, die Maschinen erfinden. Und diese Beschleunigung betrifft auch unser Denken. Wer mithalten will, muss sich Strategien überlegen, um mit Informationen effizient umzugehen. So ist die Gier nach Meinung entstanden, denn wenn man schon mal weiß, das etwas "nix is" oder "sich nicht lohnt", muss man sich damit gar nicht erst beschäftigen. Dieses Meinungs-Surfen ist rasant, doch es verleitet dazu, nur noch im Bewertungsmodus zu denken.

Das aber ist schädlich für das Miteinander. Denn es verhindert, die Dinge erst mal auf sich wirken zu lassen, nicht nur mit dem Kopf wahrzunehmen, sondern womöglich auch mit dem Gefühl. Das verlangsamt. Das behindert schnelles Urteilen. Aber nur so benutzt der Mensch alle seine Sinne – handelt wirklich menschlich.

Es sollte also zu denken geben, wenn Kinder heute nicht mehr unschuldig nacherzählen, sondern automatisch glauben, ihre Meinung äußern zu müssen. Vielleicht ist es an der Zeit, nicht mehr nur den kritischen Geist zu schärfen, sondern zu jener vorurteilsfreien Aufmerksamkeit zurückzukehren, ohne die der Mensch nicht erfassen kann, was um ihn ist. Sonst verpasst er all das Unscheinbare, das ein Leben lebenswert macht.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)