Kolumne: Gesellschaftskunde : Loslassen!

Viele Menschen umgeben sich mit Dingen, die sich im Laufe des Lebens angesammelt haben und Kontinuität verheißen. Dabei kann es befreiend sein, solche Sachen nicht mehr so wichtig zu nehmen.

Das Frühjahr ist eine Zeit, die nach draußen lockt. Die helleres Licht schenkt und mildere Luft und darum in vielen Menschen auch die Lust weckt, sich in ihrer Umgebung neuen Raum zu schaffen. So ist der Frühjahrsputz zum Begriff geworden. Dabei geht es ja längst nicht nur ums Reinemachen, sondern darum, sich von Ballast zu befreien, auszusortieren, wegzugeben - sich Leichtigkeit zu verschaffen.

Manchen Menschen fällt das schwer. Vor allem jenen, die zum Sammeln neigen. Sie umgeben sich gern mit vertrauten Dingen, spiegeln sich in dem, was sie im Laufe des Lebens angeschafft haben, und suchen darin Sicherheit. Das können Kunstwerke sein mit eigener Geschichte und objektivem Wert oder persönliche Fundstücke, die an frühere Jahre mit dem Partner, an glückliche Tage mit den Kindern oder an Reisen erinnern. Und so sammeln sich dann Familienfotos an der Wand im Flur und Kiesel vom Meer auf der Fensterbank und Tonarbeiten der Kinder über dem Kamin. Auf den Regalen werden Bücher, Platten, Fotoalben eingestellt, die Etappen der eigenen Bildungsgeschichte markieren. Und an Feiertagen wird das geerbte Porzellan aufgedeckt und an die verstorbene Tante erinnert. Und all das macht Leben aus. Es ist der Widerhall von Zeit in den Dingen - ein trotziger Widerstand gegen die Endlichkeit. Materielles mit immateriellem Wert.

Doch Lebenskunst hat mit Loslassen zu tun - auch von Dingen, die mehr bedeuten, als es scheint. Es ist ein Zeichen innerer Stärke, wenn man sich ohne Melancholie und Verlustangst von Sachen trennen kann, die man nur hortet, um sich der eigenen Geschichte zu versichern. Diese Art des Loslassens hat mit Aufräumen nichts zu tun. Sie bedeutet, die eigene Existenz nicht zu wichtig zu nehmen. Und einzuwilligen in den Lauf der Zeit.

Das ist nur begrenzt eine Frage des Alters. Natürlich ist die Jugend eher eine Zeit des Aufbaus und fröhlichen Ansammelns. Und natürlich ist es schade, wenn Menschen mit Verweis auf ihr Alter sich nichts mehr gönnen wollen. Als sei ihr Leben schon vorbei.

Aber sich innerlich loszusagen von all den Dingen, an die man sein Herz nur hängt, weil sie fälschlich Beständigkeit signalisieren, ist eine Befreiung. Man wird belohnt durch ein Gefühl der Unabhängigkeit, das nicht getarnter Egoismus ist, sondern ein Zeichen wahrhaftiger Freiheit. Man nimmt nichts mit, sagt der Volksmund. Das ist eine Warnung vor der Gier - und eine Ermunterung, sich mehr an das zu halten, was innerlich stark macht. Jederzeit.

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(RP)
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