Kolumne: Gesellschaftskunde: Leistungsdruck trifft nicht nur die Gutverdiener

Kolumne: Gesellschaftskunde : Leistungsdruck trifft nicht nur die Gutverdiener

In Dienstleistungs-Jobs mit geringer Bezahlung können Arbeitgeber den Gewinn nur steigern, wenn sie den Druck auf Menschen erhöhen. Und die schuften, weil sie keine Alternative haben.

Nun ist in der Öffentlichkeit viel die Rede vom Leistungsdruck, der überall zunimmt. Gemeint sind dann allerdings meist die gehobenen Jobs und die Sorgen der Besserverdienenden, die nie abschalten dürfen, vom Meeting zum Flieger hetzen und sich oft selbst immer anstrengendere Ziele setzen, um im Konkurrenzdruck zu bestehen.

Viel seltener ist die Rede von den Beschäftigten in den einfachen Dienstleistungsberufen, von den Paketzustellern, Reinigungskräften, Gebäudebewachern oder Nagelstudio-Betreiberinnen. Menschen, deren Arbeit kaum das Selbstwertgefühl steigert, deren Produkte keinen Anlass bieten, stolz zu sein. Und deren Gehalt oft nur knapp über dem Arbeitslosengeld liegt. Immerhin sind das fast zwölf Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland. Dabei nimmt der Druck auf sie besonders zu, denn in diesen Gewerben gibt es kaum noch Technisierungspotenzial. Der Gewinn lässt sich also nicht mehr steigern, indem Arbeitgeber Maschinen einsetzen - sie müssen den Druck auf die Menschen erhöhen.

Das geschieht, indem das Tempo gesteigert und die Bezahlung an ein immer höheres Pensum gekoppelt wird. Die Jüngeren, Fitteren machen das mit, weil sie so mehr Geld nach Hause bringen. Doch der Leistungsdruck zeigt beim sogenannten Dienstleistungsproletariat schnell körperliche Folgen. Dann wird es zur existenziellen Notwendigkeit, sich Verschnauf-Privilegien zu verschaffen, Pensumsvorgaben clever auszulegen oder den gesteigerten Anforderugen durch kalkulierte Nachlässigkeiten zu begegnen. Doch wer auffliegt, dem droht die Entlassung.

Natürlich hat auch das psychische Folgen: Je müder und verbrauchter sich Angestellte mit oft nur prekären Verträgen fühlen, desto größer ist ihre Angst, nicht mehr mithalten zu können und bald aussortiert zu werden. Nur kann sich eine Reinigungskraft kein Yoga leisten, um Entspannen zu üben.

Natürlich ist Ausbeutung immer eine Frage des Systems, und es bedarf politischer Entscheidungen, um sie zu verhindern. Aber es ist auch Sache jedes Verbrauchers, sich klarzumachen, zu welchen Bedingungen bestimmte Billig-Dienstleistungen angeboten werden können. Und sich genau zu überlegen, zu welchen Konditionen man sie in Anspruch nimmt.

Es existieren viele Realitäten parallel in einer Gesellschaft. Es kommt darauf an, sich nicht abzugrenzen und den Druck weiterzugeben, sondern die Nöte der anderen zu sehen und über Konsequenzen nachzudenken.Mitgefühl ist kein Luxus, sondern der Motor für Veränderung. Für wahren Fortschritt.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)