Kolumne: Warum die Debatte über Immobilien polarisiert

Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Das Thema Wohnen spaltet

Besitzen oder mieten müssen – das macht den Klassenunterschied.

Wohnen ist ein extremes Reizthema geworden. Das hat nicht nur mit der quälenden Suche zu tun, die Menschen auf dem Wohnungsmarkt in deutschen Großstädten auf sich nehmen müssen. Das Thema polarisiert, weil es das Gerechtigkeitsempfinden reizt. Und weil es, ähnlich wie die Klima-Debatte, die Zukunft betrifft. Die Preise steigen ja weiter. Wer jetzt noch zentral wohnt, kann es sich bald vielleicht gar nicht mehr leisten. Und während bei den einen, den Mietern, diese Sorgen zunehmen mit jedem Viertel, das gentrifiziert wird, mit jedem Luxus-„Quartier“, das in der Nachbarschaft aus dem Boden gestampft wird, steigt bei den Eigentümern der Gewinn. Eine Schätzung von Ökonomen hat jüngst ergeben, dass das Vermögen von Immobilieneigentümern in Deutschland seit 2011 um mehr als drei Billionen Euro gestiegen ist. Das sind irre Zahlen. Sie wecken Gier – und das Empfinden, dass etwas Unredliches geschieht.

Die Konsumgesellschaft mit ihren Angeboten für jeden Geldbeutel suggeriert den Menschen, dass alle eigentlich gleich seien. Jeder könne sich im Prinzip kaufen, was er will. Wer nicht so viel Geld hat, muss vielleicht bei der Qualität Abstriche machen, aber Möbel zum Selbstbau oder Klamotten aus dem Billigladen befriedigen die Lust am Habenwollen eben auch.

Auf dem Immobilienmarkt ist das anders. Er legt die qualitative Ungleichheit zwischen Besitzenden und Konsumenten unerbittlich offen. Da werden dann Klassenunterschiede spürbar, die in der Konsumgesellschaft scheinbar aufgehoben sind. Kein Wunder, dass der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert auf diesem Feld Terrain für die SPD zurückgewinnen will. Beim Kampf auf dem Wohnungsmarkt geht es um Selbstbestimmung und um das Gefühl von Sicherheit, es geht also um existenzielle Fragen.

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