Kolumne: Gesellschaftskunde - Wut ist mehr als Aggression

Kolumne: „Gesellschaftskunde“ : Vom Nutzen der Wut

Zorn ist als Ausbruch von Gefühlen unangenehm – und doch nötig.

Spätestens seit vor knapp zehn Jahren der „Wutbürger“ geboren wurde, haftet dem Begriff der Wut etwas Engstirniges, Rückständiges, unangenehm Unkontrolliertes an. Man sieht förmlich Menschen mit roten Köpfen vor sich, die sich über irgendetwas sinnlos erregen und ihren aggressiven Emotionen freien Lauf lassen.

In einer Welt, in der beruflich wie privat Konsensbildung ein hoher Wert ist, erscheint Wut als Störfall, als Überschuss an Negativität, als Ausbruch von Gefühlen, die besser hätten kanalisiert werden sollen.

Tatsächlich kann es unangenehm sein, an wütende Menschen zu geraten. Sie schleudern ja einfach hinaus, was sie aufregt, mit Austausch von Argumenten ist ihnen nicht mehr beizukommen. Der Zorn muss erst raus. Wut kann sprachlos machen und andere mundtot.

Doch ist Wut eben auch eine starke Kraft. Im Lateinischen bedeutet Furor neben Wahnsinn und Raserei auch Leidenschaft. Wer wütend wird, ist anstrengend in der Form, aber eben auch ergriffen, engagiert, leidenschaftlich in der Sache. Wut kann erfrischend sein, wenn ansonsten Gleichgültigkeit grassiert.

Es gibt viele Tipps zum Umgang mit der Wut. Den Wütenden wird empfohlen, negative Gefühle frühzeitig abzubauen, Sport zu treiben, Gespräche zu suchen, ehe die Emotionen sich aufschaukeln. Das ist natürlich sinnvoll, zeugt aber auch von dem Hang, Gefühle möglichst in Balance zu halten und Ausschlägen ins Negative vorzubeugen.

Dabei ist Wut ja manchmal nötig. Als Reinigung für den Wütenden. Als Zeichen an seine Umgebung. Solche Emotionen zu unterdrücken, bringt nur Scheinharmonie. Was darunter gärt, ist meist schlimmer als ein kraftvoller Ausbruch, auf den alle, die es angeht, reagieren können.

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Autorin: kolumne@rheinische-post.de

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