Kolumne "Gesellschaftskunde": Warum Nüchternheit nicht langweilig, sondern gut ist

Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Nüchternheit tut gut

Gefühle verschaffen Aufmerksamkeit. Probleme löst man besser nüchtern.

Nüchterne Menschen werden oft leichtfertig als langweilig betrachtet, weil sie das, was sie sagen, für sich sprechen lassen und nicht mit persönlichen Gefühlen verstärken. Dagegen bringen expressive Emotionen Aufmerksamkeit. Und weil immer mehr Menschen dringend wahrgenommen werden wollen – auch weil Selbstvermarktung heute wie selbstverständlich gefordert wird –, wächst das Erregungspotenzial.

Ein politisch besonders relevantes Gefühl ist die Angst. Und es gibt Wissenschaftler, die die Konjunktur von Angstgefühlen in der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren ­beobachten und daraus eine Angst-Geschichte der Bundesrepublik ableiten. Demnach überwog in der Nachkriegszeit die Angst vor äußeren Angriffen etwa durch die Russen, doch waren die Menschen eher darum bemüht, ihre Ängste nicht offen zu zeigen. Mit den 70er Jahren kam es dann zu einer Befreiung auch der Angstgefühle, Menschen wollten loswerden, was sie im Inneren bedrängte – und trugen es nach außen.

Heute gibt es beides: persönliche Ängste, etwa vor dem Versagen, wie die Angst vor äußeren Katastrophen. Die einen fühlen sich vom Klimawandel bedroht, die anderen von Migration. Und dazu fühlt sich jeder von den anderen bedroht, die ihre Ängste nicht teilen. Nun steckt in den meisten Befürchtungen ein wahrer Kern, und es wäre naiv, berechtigte Skepsis als „German Angst“ abzutun. Doch kann es helfen, die Fakten erst einmal gefühlsbereinigt zur Kenntnis zu nehmen, zu überdenken, sich dazu nüchtern zu äußern. Das mag langweilig wirken. Das mag sich im Gefühlsgetöse unserer Tage schwer durchsetzen. Doch die Angstgeschichte Deutschlands zeigt, dass auch Gefühligkeit Aufs und Abs kennt. Ein wenig mehr langweilige Nüchternheit täte gerade gut.

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