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Kolumne Gesellschaftskunde: Lästern auf Distanz

Kolumne Gesellschaftskunde : Lästern auf Distanz

Bosheiten über nicht anwesende Personen auszutauschen, ist ein böses Vergnügen – und wegen der Corona-Pandemie ist es so einfach wie nie zuvor. Das ist gefährlich für ein gesundes Miteinander.

Die meisten Leute lästern gern. 14 Prozent ihrer täglichen Gesprächszeit, das hat eine britische Studie ergeben, reden Menschen über nicht anwesende Personen. Allerdings stammt die Studie aus dem vergangenen Jahr, also aus der Zeit vor der Corona-Pandemie, als die meisten Angestellten noch analog im Büro saßen und zum Lästern auf den Flur gingen.

Nun ist vieles anders – auch der Flurfunk muss sich neue Kanäle suchen. Lästern ist einfacher geworden, weil viele Absprachen zwischen Menschen an unterschiedlichen Orten getroffen werden. Es gibt also mehr Telefonate, weniger Mithörer, mehr Gelegenheit, sich freimütig über die Schwächen der anderen auszulassen. Allerdings ist Lästern ja vor allem ein Nebenbei-Geplänkel. Man ruft dafür nicht extra an, kommt scheinbar unabsichtlich, spielerisch dazu – wie früher bei der Begegnung auf dem Flur.

Das ist auch das Giftige am Lästern. Die kleinen Bosheiten träufeln fast unbemerkt ins Bewusstsein. Doch sie wirken – und werden selten hinterfragt. Erst die Konfrontation mit der Wirklichkeit, die nächste Begegnung mit dem Kollegen oder Bekannten, rückt bisweilen zurecht, was beim Lästern zu scharfe Konturen angenommen hat. In Corona-Zeiten jedoch bleiben diese korrigierenden Begegnungen oft aus. So können sich Lästerblasen bilden und in ihnen Zerrbilder von Menschen, die gar nichts davon ahnen.

Lästern kann verführerisch sein als boshaftes Spiel, als Spaß an der überspitzten Darstellung und gehässigen Pointe. Kein Dichter wusste diese Kunst so virtuos für sein Werk zu nutzen wie Shakespeare. Doch hat er in seinen Intrigendramen auch vorgespielt, wohin das Lästern führen kann – zu Verleumdung und Verletzung. In Zeiten erzwungener Distanz umso mehr.

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