Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Distanz zum Job

Zu viel Nähe zum Beruf schadet. Doch wie viel innerer Abstand ist angemessen?

Alle ringen um Balance. Etwa, wenn es um den Ausgleich zwischen Arbeit und privatem Leben geht. Denn viele Menschen suchen nach erfüllenden Tätigkeiten, wollen sich identifizieren mit dem, was sie tun. Doch ist es dann oft schwer, die Arbeit wieder loszulassen, sich als privates Ich zu begreifen, das auch noch andere Ziele im Leben hat als die aus dem letzten Karrieregespräch.

Gerade Leute, die für ihre Arbeit brennen, geraten in die Gefahr, süchtig zu werden nach der Anerkennung im Job. Darum raten viele Experten, gerade in kreativen oder sozialen Berufen innere Distanz zu wahren. Wer auf die Frage: Und, was machst Du so? gleich seinen Beruf nennt, gilt als gefährdet.

Kolumnen-Autorin Dorothee Krings. Foto: Krings

Allerdings kann es ein höchst zweifelhaftes Vergnügen sein, auf Menschen zu treffen, die sich eine solide Distanz gegenüber ihrem Job zugelegt haben. Die fertigen Kunden oder Patienten dann schnell mal ab wie lästige Bittsteller und übernehmen keine Verantwortung für das Ganze. Hauptsache pünktlich raus!

In Wahrheit lebt Arbeit nämlich von innerer Anteilnahme, davon, dass man einen Sinn im eigenen Tun sieht und sich wertgeschätzt fühlt. Gerade daran hapert es aber oft gerade in sensiblen Berufen wie im Pflege- oder Erziehungsbereich, wo zu schlecht bezahlte Angestellte auf abhängige Menschen aller sozialer Schichten mit diversen Ansprüchen treffen. Solchen Beschäftigten ständig innere Distanz zu empfehlen als Notwehr gegen schlechte Bedingungen, ist dürftig.

Menschen haben zu Recht das Bedürfnis, sich geachtet zu fühlen von Vorgesetzten und der Gesellschaft. Darin ein Motivationsmittel zu sehen, ist viel schlauer, als Menschen ständig zu signalisieren, dass sie ersetzbar sind. Und dass sie deswegen Sicherheitsabstand zur eigenen Arbeit halten sollen.

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