Kolumne: Gesellschaftskunde: Im globalen Dorf herrscht keine Landlust

Kolumne: Gesellschaftskunde : Im globalen Dorf herrscht keine Landlust

Landlust, das steht für Entschleunigung, Purismus, den schlichten Genuss. Im globalen Dorf herrscht aber keine Einfachheit, sondern beschleunigte Vielfalt an Möglichkeiten. Manche verwirrt das.

Die Welt ist ein Dorf geworden durch die Globalisierung. Sagt man. Leute reisen in wenigen Stunden in entlegenste Erdteile, konsumieren Produkte aus aller Herren Länder, telefonieren mit Bild über die Kontinente hinweg, wissen aus dem Urlaub, wie es aussieht in Regionen, in die früher nur lebensgefährliche Expeditionen führten.

Doch das Leben im globalen Dorf fühlt sich nicht dörflich an. Es gibt kein Gefühl der Vertrautheit über die Distanzen, keinen Purismus der Optionen, keine ländliche Langsamkeit, keine unkomplizierte Nähe zu den Nachbarn. Alles Dinge, die das echte Dorfleben anziehend machen, die das Landleben dem Städterdasein voraus hat. Landlust, das neue Sehnsuchtsgefühl - im globalen Dorf ist davon wenig zu spüren.

Das hat damit zu tun, dass die Welt nur für den Transfer von Menschen, Informationen und Produkten klein wie ein Dorf geworden ist. Doch das hat das Leben des Einzelnen nicht simpler gemacht. Im Gegenteil: Das Tempo hat sich erhöht, die Möglichkeiten der Lebensgestaltung haben sich vervielfacht. Darin steckt viel Freiheit, viel Potenzial zur Entfaltung. Aber nur für jene, die gut ausgebildet, lebenshungrig, optimistisch sind. Für andere ist die neue Grenzenlosigkeit bedrohlich. Sie erzeugt Gefühle der Überforderung und Überreizung und in Folge Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach Rückzug dahin, wo man sich auskennt.

Darum hat die Globalisierung trotz all ihrer Öffnung zum Leben der anderen doch auch dazu beigetragen, dass Menschen empfänglicher werden für simple Botschaften, dass sie nach Weltbildern suchen, die ihnen schnell und leicht den Unterschied zwischen Gut und Böse erklären und sie nicht zu dialektischem Denken nötigen. Denn das strengt an. Das verlangt, Ungewissheiten auszuhalten, den eigenen Standpunkt anzupassen, geistig beweglich zu bleiben.

Die Globalisierung hat der Welt als eine Gegenbewegung eine neue Borniertheit eingetragen. Sie drängt manche Menschen dazu, sich lieber nur noch mit dem zu beschäftigen, was in ihrem engsten Umfeld passiert, und anderes auszublenden. Auch wenn es relevant ist. Solche Menschen werden empfänglich für populistische Welterklärer und für Verschwörungstheorien.

Dabei muss Unübersichtlichkeit keine Angst machen. Wenn Menschen sich als wertvoll und geschätzt empfinden, wenn sie Selbstwertgefühl aufbauen konnten, werden sie die Chance in der Vielfalt sehen. Das bleibt die Herausforderung.

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(RP)
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