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Kolumne „Gesellschaftskunde“: Echte Vorfreude erwartet nichts

Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Echte Vorfreude erwartet nichts

Verkappte Erwartungen belasten Familienfeiern. Vorfreude ist offen.

Der Advent ist vielleicht die Phase im Jahreslauf, in der Menschen die Zeit am deutlichsten wahrnehmen. Am Adventskranz werden Kerzen entzündet, die Wochen gezählt, und in vielen Gesprächen geht es darum, was bis zum Fest noch alles zu machen ist. Bei den Kindern wächst die Vorfreude – eine Empfindung, die Erwachsenen vielfach nicht mehr gut gelingt. Denn bei vielen Menschen ist Vorfreude mit hohen Erwartungen durchsetzt, die Enttäuschung liegt schon in der Luft. Man stellt sich vor, wie die Festtage ablaufen werden, wie die Familie zusammenkommt, welche Reaktionen die Geschenke hervorrufen und so fort. Das ist beladen mit Ansprüchen und unausgesprochenen Wünschen. So und so soll das Fest werden, schließlich hat man sich abgehetzt und abgerackert. Da will man nicht enttäuscht werden!

Doch Vorfreude steigert nur das Vergnügen, wenn sie unbestimmt und für Überraschungen offen bleibt. Statt sich enge Vorstellungen zu machen, ist echte Vorfreude eine neugierige Haltung, eine wohlwollende Offenheit. Wer Vorfreude empfindet, tut alles, damit ein Fest, eine Begegnung gelingen kann. Doch sieht er das nicht als Vorleistung, die das Ereignis dann einlösen muss. Vielmehr schafft man aus der eigenen Freude heraus gute Voraussetzungen – und wartet, was kommt. Diese Offenheit gegenüber dem Ergebnis widerspricht dem Denken unserer Zeit. Da gelten andere Regeln: Investiertes muss sich rentieren. Wer etwas anstößt, muss sicher sein, dass es sich lohnt. Doch sollte man dieses Denken nicht auf Begegnungen zwischen Menschen übertragen. Denn Erwartungsdruck erstickt alle Freiheit und Fröhlichkeit des Zusammenseins im Keim. Weihnachten kann eine gute Gelegenheit sein, Erwartungen zurückzuschrauben und sich in naiver Vorfreude zu üben.

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