Gesellschaftskunde: Die Stadtmauern von heute sind unsichtbar

Gesellschaftskunde : Die Stadtmauern von heute sind unsichtbar

Die Furcht, überfallen, ausgeraubt, ermordet zu werden, ist mit der Moderne nicht verschwunden, sie hat sich nur verlagert – nämlich in die Städte. Je krasser die wirtschaftliche Ungleichheit, desto eindeutiger die Absicherungsmethoden.

Die Furcht, überfallen, ausgeraubt, ermordet zu werden, ist mit der Moderne nicht verschwunden, sie hat sich nur verlagert — nämlich in die Städte. Je krasser die wirtschaftliche Ungleichheit, desto eindeutiger die Absicherungsmethoden.

Früher waren Städte Zufluchtsorte. Hinter der Stadtmauer konnte eine Gemeinschaft ein relativ sicheres Leben führen, Reisende konnten erleichtert aus der Kutsche steigen, wenn sie das Stadttor passiert und friedlichen Grund erreicht hatten. Heute scheinen wir auf den ersten Blick einen Schritt weiter. Städte verbarrikadieren sich nicht mehr hinter Steinwällen, sie sind offene, pulsierende Riesengebilde, die Neuankömmlinge einfach schlucken. Doch diese Offenheit macht Städte auch verwundbar. Terrorangriffe in London, Mumbai oder New York haben das bewiesen; und die Bilder dieser Attacken nähren, eingebrannt ins kollektive Gedächtnis, moderne Ängste.

Die Furcht, überfallen, ausgeraubt, ermordet zu werden, ist mit der Moderne also nicht verschwunden, sie hat sich nur verlagert — nämlich in die Städte. Stadtmauern ziehen keinen Ring der Sicherheit mehr um eine Gemeinschaft, sondern durchziehen das Stadtgebiet — sichtbar und unsichtbar. In vielen Megastädten dieser Welt ist das ganz offensichtlich zu beobachten. Dort schotten sich die Reichen mit Sicherheitszäunen und Wachpersonal vom ärmeren Rest der Gesellschaft ab, der es auf ihren Besitz und ihr Leben abgesehen haben könnte.

Je krasser die Ungleichheit, desto eindeutiger die Absicherungsmethoden. Dann werden bestimmte Viertel zu kleinen Städten in der Stadt, gesichert wie im Krieg. Aber man muss nicht nach Buenos Aires, Delhi oder Jakarta blicken, um zu beobachten, wie sich innerhalb von Städten Grenzen bilden. Auch in einem traditionell um sozialen Ausgleich bemühten Land wie Deutschland, wollen immer mehr Menschen lieber unter sich bleiben, streben in moderne Viertel mit neuer Kita, Supermarkt und Tiefgarage, die eine störungsfreie An- und Abreise zum Job ermöglichen und Kontakt mit anderen Gesellschaftsgruppen meiden helfen. Der Immobilienmarkt regelt diese Ausdifferenzierung der Gesellschaft unauffällig. Allerdings schwindet bei diesen städtischen Eliten das Interesse an der Stadt. Sie wird nur mehr als Dienstleister zur Sicherstellung individueller Bedürfnisse wahrgenommen. Städtische Eliten von heute sind ja viel unterwegs — auf Geschäftsreise oder im Internet, da gerät aus dem Blick, was sich in der eigenen Stadt so ereignet, wie sie sich entwickelt, wie benachteiligte Viertel vorankommen.

Schon zur Stadtmauerzeit blühten aber vor allem jene Gemeinschaften, die über Kontakte jenseits der Mauer verfügten. Sicherheit ist auch immer eine Frage des Interesses für die Nachbarschaft.

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(RP)