Kolumne: Gesellschaftskunde: Die Lust am Gewohnten

Kolumne: Gesellschaftskunde: Die Lust am Gewohnten

Bloß keine Experimente: Bestsellerlisten verraten die Sehnsucht nach Überschaubarkeit.

Wenn es nach den Geschichten geht, die sich die Deutschen gerade besonders gern zu Gemüte führen, muss es dem Land gut gehen. Auf den Bestsellerlisten halten sich beschauliche Frauen- und Freundschaftsromane von Jojo Moyes, Elena Ferrante, Bernhard Schlink, bei den Sachbüchern Titel, die über die Kunst des guten Lebens informieren oder über die Dekadenz weit weg in Amerika, wie Gesellschaftsreporter Michael Wolff sie im Hause Trump beobachtet hat.

Anscheinend suchen Leser nach Stoffen, in denen sie beobachten können, wie der Mensch sein kann. Sie mögen es, Familien, Freundschaften, Einzelschicksale über Jahrzehnte zu begleiten. Und wollen wissen, was bleibt, wenn die Zeit mit ihren Zumutungen über Lebenswege hinwegstürmt.

Tatsächlich bereitet es Vergnügen, in solchen Geschichten Eigenes zu entdecken, Unbekanntes auf Probe zu durchleben. Doch die aktuellen Lesevorlieben verraten auch ein starkes Bedürfnis nach Überschaubarkeit und wenig Lust an allem, was das Gewohnte infrage stellt.

Womöglich sind die Bestsellerlisten also weniger ein Zeichen dafür, wie gemütlich es in Deutschland zugeht. Vielmehr verraten sie, wie unbehaglich vielen die flüchtige Gegenwart erscheinen muss, in der sich alte Gewissheiten als trügerisch, Bindungen oft als brüchig erweisen. Wenigstens in Romanen sollen die Überraschungen kalkulierbar bleiben. Lieber schaut man durchs Schlüsselloch ins Weiße Haus oder liest den nächsten Band einer Autorin, deren Stil man schon kennt, als eine Enttäuschung zu riskieren.

Vielleicht zeigen die Lesevorlieben aber auch, dass es generell schwieriger wird, ein breites Publikum neugierig auf Unbekanntes zu machen. Wer nur im Internet bestellt, von Algorithmen empfohlen bekommt, was er eh schon mag, ahnt nicht mehr, was er alles verpasst.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(dok)