Kolumne: Gesellschaftskunde: Das Prinzip Verantwortungsflucht

Kolumne: Gesellschaftskunde : Das Prinzip Verantwortungsflucht

Schuld sind die anderen – oder gleich das ganze System. Es ist üblich geworden, Verantwortung abzuwälzen. Dabei sind es am Ende Einzelne, die Entscheidungen treffen.

Schuld sind die anderen — oder gleich das ganze System. Es ist üblich geworden, Verantwortung abzuwälzen. Dabei sind es am Ende Einzelne, die Entscheidungen treffen.

Es gehört zum Lebensgefühl der Moderne, dass der Einzelne sich ausgeliefert fühlt an die großen, globalisierten Zusammenhänge, an Mechanismen, die außerhalb seiner Wirkungsmacht liegen. Wirtschaftskrisen kommen und gehen, Unternehmen werden aufgekauft und zerschlagen, Anforderungsprofile ändern sich, Rollenbilder auch — der Wandel reicht bis in den Kern der Gesellschaft, bis hinein in die Familien.

Und der Einzelne kann immer nur reagieren, kann versuchen, sich auf veränderte Bedingungen einzustellen, um nicht unter die Räder zu kommen. Oft ist darum vom "System" die Rede, von den großen ökonomischen und wirtschaftlichen Strukturen, die bestimmen, wie wir leben, und doch weitgehend unempfänglich sind für unser Wollen.

Diese Ohnmachtsgefühle sind nicht von der Hand zu weisen. Doch zugleich gerät damit ein Prinzip unter Druck, das absolut notwendig ist, damit Zusammenleben gelingen kann: Verantwortung.

Es ist leicht geworden, alles auf die Verhältnisse zu schieben, auf Sparziele, bürokratische Zwänge. Es gehört schon fast zum guten Ton. Wer etwa im Gesundheitswesen negative Erfahrungen macht, wird häufig mit Hinweisen auf die Budgetierung abgespeist. Patienten seien heute eben nur noch Fallpauschalen, leider, leider, da bleibe wenig Spielraum für Zuwendung und Menschlichkeit.

Natürlich gibt es gute Gründe, die Ökonomisierung sensibler Lebensbereiche wie des Gesundheitssystems zu kritisieren. Oft bieten die Strukturen aber auch willkommene Gelegenheit, Verantwortung abzuschieben. Am Ende der Kette sind es einzelne Menschen, die Entscheidungen treffen, die einen bestimmten Ton anschlagen, die aus innerer Motivation handeln oder sich dem Zynismus ergeben.

In Zeiten erweiterter ökonomischer wie technologischer Räume erscheint es seltsam hilflos, auf die Integrität des Einzelnen zu bauen und ihn weiter auf Nächstenliebe zu verpflichten. Der Philosoph Hans Jonas hat darüber nachgedacht und in seinem Buch "Das Prinzip Verantwortung" gefordert, die ethischen Imperative an den erweiterten Handlungsspielraum des Menschen anzupassen, etwa von einer Nächsten- zur Fernstenliebe zu gelangen. Solche Gedanken sind heute wieder aktuell.

Doch das alles entlässt den Einzelnen nicht aus der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Es ist tragisch, wenn dieses Bewusstsein schwindet, wenn niemand sich mehr zuständig fühlt für die kleinen Entscheidungen, die er täglich trifft. Sie machen das Leben aus.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(dok)
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