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Kolumne: Gesellschaftskunde: Arbeit und Leben sind zwei Welten

Kolumne: Gesellschaftskunde : Arbeit und Leben sind zwei Welten

Nur im Büro ist der Angestellte unter Kontrolle - und darum effektiv. Dieses Vorurteil wird in Deutschland gepflegt, neue Arbeitsmodelle werden kaum ausprobiert. Anders ist das in den Niederlanden.

In Deutschland betrachten die meisten Menschen Arbeit und Leben als getrennte Welten. Man pendelt zwischen beiden Sphären, versucht verzweifelt, Grenzen zu ziehen, die Balance zu halten zwischen beruflich und privat verbrachter Zeit.

Das gelingt nur selten. Arbeit hat heute mehr denn je mit Selbstverwirklichung zu tun. In immer mehr Jobs werden Kreativität und Eigenverantwortlichkeit verlangt. Das macht Aufgaben spannender, verlangt aber auch, dass Angestellte sich intensiv auf ihre Arbeit einlassen - meist auch jenseits der vertraglich geregelten Arbeitszeiten.

Daher ist es heute eine überlebenswichtige Fähigkeit geworden, das Handy auch mal auszuschalten - um dann mit allen Sinnen und ungeteilter Aufmerksamkeit bei seiner Familie, seinen Freunden oder sich selbst zu sein. Wer das nicht lernt, kommt sich selbst abhanden, empfindet sich bald nur noch als Rädchen im Getriebe, als jemand, der funktionieren muss und als Mensch nicht zählt.

Es ist also sinnvoll, Arbeit und Leben als zwei Welten zu betrachten. Doch das bedeutet längst nicht, dass der Mensch nur im Büro, also unter Aufsicht des Chefs und der Kollegen gute Arbeit leistet. Diese Vorstellung ist in Deutschland aber weit verbreitet. Während die Niederländer gerade einen Rechtsanspruch auf Homeoffice durchgesetzt haben, ist die Zahl der "Zuhause-Arbeiter" in Deutschland rückläufig. Dabei zeigen Versuche großer Unternehmen wie Microsoft und Untersuchungen von Wirtschaftsuniversitäten, dass Menschen daheim keineswegs weniger effektiv arbeiten als im Büro. Natürlich kann der Chef nicht kontrollieren, ob der Angestellte zu Hause zwischendurch nicht mal schnell in den Supermarkt flitzt oder Wäsche aufhängt. Aber auch im Büro verbringen Menschen viel Zeit mit Nebensächlichkeiten - auch wenn sie dabei auf einen Bildschirm gucken. Und der durchgetaktete Arbeitstag im Büro mag manchen Menschen Halt geben, andere zwängt er unnötig ein.

Es gibt hierzulande jedoch eine große Ängstlichkeit, neue Wege der Lebensgestaltung zu probieren. Stattdessen werden Vorurteile gepflegt und gegen Menschen in Stellung gebracht, die Alternativen ausprobieren. Wer ins Homeoffice wechselt, kennt die Sprüche zum angeblichen Nichtstun daheim. Und die Heimarbeit ist nur ein Beispiel. Nur mit Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Wegen kann eine Gesellschaft aber selbstbewusst in die Zukunft schreiten. Neugier ist eine Tugend. Und Versuche dürfen scheitern.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)