Gastautor Christoph Schwennicke über Erregung im politischen Alltag.

Kolumne: Berliner Republik : Erregung als Politik-Ersatz

Lieber inhaltlich debattieren als sinnlos zündeln.

Die Erfindung des Papiers hat die Schriftlichkeit gebracht, hat das Flüchtige durch das Haltbare ersetzt. Die Erfindung des Netzes hat die Permanenz gebracht. Sie hat vor allem die Politik grundlegend beeinflusst.

Womit wir bei Boris Palmer und Kevin Kühnert wären. Der Tübingner Bürgermeister hatte die Homepage der Deutschen Bahn gesehen und sich aufgeregt über die abgebildeten Bahngäste, die er wohl nicht deutsch genug aussehend fand. Diese Aufregung hat er sogleich über die sozialen Kanäle aller Welt mitgeteilt. Die Lawine kam ins Rutschen, dazu noch ein Interview im Deutschlandfunk, noch ein offener Brief an den Bahnvorstand: Zwei Tage bestimmte der Grüne die Nachrichten. Bis er ein Interview gab und sagte, dass er sich den ursprünglichen Beitrag besser hätte sparen sollen.

Einmal Erregung und zurück: Dieses Prinzip funktioniert in der Politik so gut wie nie zuvor. Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende, nutzt als Zündquelle das gute alte Zeitungspapier. Nach seinem Interview in der „Zeit“ über die notwendige Verstaatlichung von BMW brannte der Baum zwei Tage lichterloh. Erregung allerorten. Große Kapitalismusdebatte!

Nein, eben nicht. Es ist die Simulation einer Debatte. Man kann sehr wohl darüber sprechen, ob der Kapitalismus eher gesellschaftskonsolidierend oder -zersetzend wirkt. Der kluge Soziologe Wolfgang Streeck hat darüber ein lesenswertes Buch geschrieben, ein amerikanischer Ex-IWF-Chefökonom auch (Raghuran Rajan: „The third pillar“). Das lohnt sich alles zu lesen, ist oft mühsam, aber bereichernd. Die angebliche Debatte um das zusammenhanglose Geschwafel von Kevin Kühnert lohnt nicht. Sie ist vertane Lebenszeit.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des „Cicero“ und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor:
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