Kolumne: Hier in NRW: Ganztag ohne große Zukunft

Kolumne: Hier in NRW : Ganztag ohne große Zukunft

Die Schulministerin nimmt den Schwund von Betreuungsplätzen in Kauf.

Im Süden Berlins wohnt eine Frau mit einer genialen Idee. Sie bietet selbst gebastelte Schultüten im Internet an. Ihre Kunden sind berufstätige Mütter, die keine Zeit haben, eine aufwendige Schultüte zu basteln. Die aber zugleich Angst davor haben, es könnte ihnen ein Leben lang nachgetragen werden, wenn ihr Kind am ersten Schultag als einziges keine selbst gebastelte Schultüte hat. Das Geschäft floriert – was ganz nebenbei zeigt, wie groß der gesellschaftliche Druck auf Mütter noch immer ist.

Auch immer mehr Väter kennen allerdings dieses Gefühl, wenn das Eltern-Frühstück in der Kita am späten Vormittag zur besten Arbeitszeit angesetzt ist und das Kind vorher fragt, ob Vater oder Mutter dabei sein könnten. So wie bei den Freunden auch.

Diese Beispiele führen direkt zu NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) und ihren Plänen für die Ganztagsbetreuung an Gymnasien. Die Rückkehr zu G9 nämlich wird verbunden sein mit einer Reform des Ganztags. Was nach Verbesserung klingt, könnte auf eine deutliche Reduzierung der Betreuungsplätze hinauslaufen. Denn grundsätzlich sollen die Gymnasien künftig wieder im Halbtagsbetrieb arbeiten. Angesichts knapper Ressourcen bei Räumen und Personal ist damit der Anreiz groß, am Ganztag zu sparen. Das könnte so laufen: Die 5a und die 5b sind Ganztagsklassen, nicht aber die 5c und die 5d. Abgesehen davon, dass darunter auch das Angebot an AGs leiden dürfte, sind wir damit wieder beim Eingangsproblem der Rabeneltern: Wer will schon länger in der Schule bleiben, wenn die Mitschüler um 13:15 Uhr gehen können? Zur Not gibt es ja Computer oder Smartphones, die zu Hause die Betreuung übernehmen können. Über kurz oder lang dürfte das Ganztagssystem an Gymnasien vollständig erodieren. NRW droht ein großer Rückschritt.

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