Kolumne Frauensache: Wie die Aufschreierinnen die Opferkeule schwingen

Kolumne Frauensache : Wie die Aufschreierinnen die Opferkeule schwingen

Nach der wochenlangen Diskussion über Sexismus in der Politik hat nun auch der Bundespräsident eine "Aufschrei"-Debatte losgetreten. Es wirkt, als hätten sich die entrüsteten Frauen auf der Anklägerbank eingerichtet. Von dort lässt sich aber nur wenig ausrichten.

So viel Frau wie vergangene Woche war lange nicht mehr: Am Montag haben die Macherinnen der Twitter-Initiative "Aufschrei" einen Brief an den Bundespräsidenten verfasst und das Thema Sexismus wieder auf die Tagesordnung gebracht. Am Mittwoch hat die Bundesregierung das "Hilfstelefon Gewalt gegen Frauen" frei geschaltet. Ebenfalls am Mittwoch hat die Bundesregierung erklärt, ein Veto gegen die EU-Pläne für eine Frauenquote einzulegen. Und am Freitag war Weltfrauentag. Vier Ereignisse also, die zufällig in derselben Woche stattgefunden haben, zusammengenommen aber viel über das Frauenbild der Moderne verraten. "Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts — die Hässlichen eingeschlossen." Das ist ein Zitat von Karl Marx. Würde er in der heutigen Zeit einen solchen Satz äußern, sagen wir mal abends an einer Bar in Gegenwart einer Journalistin, dann hätte er jetzt eine heftige Debatte am Hals. Ihm würde Chauvinismus, womöglich Sexismus vorgeworfen, weil er Frauen auf ihr Äußeres reduziere. Schließlich werde bei Männern auch nicht in Schön und Hässlich unterteilt, wenn es um ihren gesellschaftlichen Status gehe.

Womit wir beim ersten Mann im Staate, dem Bundespräsidenten wären. Der hat — gefragt nach dem Umgang mit Rainer Brüderle — von "Tugendfuror" gesprochen. Furios ist die Reaktion der Aufschrei-Aktivistinnen: Sie fühlen sich von Gauck in die Furien-Ecke gestellt. Gauck mache "die Wut der Frauen lächerlich", schreiben sie in ihrem offenen Brief.

Offen gesagt: Dieses ewige Sich-angemacht-Fühlen junger, eigentlich emanzipierter Frauen nervt. Es wirkt als hätten sich die Aufschreierinnen auf der Anklägerbank eingerichtet, von der aus sie mit lautem Lamento die Opferkeule schwingen. Hätte die Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten mit einem solchen Opfergestus agiert, sie hätte wohl wenig erreicht. Vorherige Frauengenerationen haben nicht lamentiert, sie haben gekämpft. Dazu mahnt der Weltfrauentag — und er erinnert daran, dass Kämpfen manchmal mühsam ist. So brauchen Ehefrauen in Deutschland erst seit 1977 nicht mehr die Genehmigung ihres Mannes, um arbeiten zu dürfen. Dass heute, keine 40 Jahre später, in der EU bereits ernsthaft eine verbindliche Frauenquote diskutiert wird, zeigt, wie sehr der Kampf gelohnt hat. Für eine Bundesregierung, die sich mit einem Sorgentelefon für Frauen profilieren will, aber gegen eine Frauenquote ist, gilt daher: kein Anschluss mit dieser Nummer.

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(RP)