Frauensache: Sexismus - die Stille nach dem Aufschrei

Frauensache : Sexismus - die Stille nach dem Aufschrei

Es ist leicht, 140 Zeichen zu twittern, um sich zu empören und zu klagen. Sich wirklich in Bewegung zu setzen ist ungleich mühsamer. Ein Tanz ist ein Anfang.

Bei Maybrit Illner im ZDF hat niemand getanzt, auch bei Reinhold Beckmann in der ARD hat sich kein Fuß bewegt. Dabei ist es nicht einmal zwei Wochen her, dass in diesen Talkshows hitzig bis hysterisch über Sexismus in Deutschland diskutiert wurde. Doch am Donnerstag, 14. Februar, ging es bei Illner und Beckmann um den Papst. Dabei war dieser Donnerstag ein besonderer, er war weltweit der Tag der vergewaltigten, missbrauchten und geschundenen Frauen.

"One Billion Rising" — Eine Milliarde erhebt sich — heißt die internationale Initiative, die dazu aufgerufen hatte, in aller Herren Länder auf die Straße zu gehen und zu tanzen, als Zeichen gegen Gewalt und Unterdrückung.

Jede dritte Frau auf dieser Welt war schon einmal Opfer von Gewalt, wurde geschlagen oder zu sexuellen Handlungen gezwungen. Doch an diesem Donnerstag blieb die deutsche Debattenmaschinerie, skandalverliebt und dauererregt, auffallend ruhig — die Stille nach dem Aufschrei. Seltsam, dass vor kurzem in unserem Land noch öffentlich der Eindruck erweckt wurde, hier müssten sich massenweise Frauen tagtäglich gegen sexistische Angriffe erwehren und selbst der blöde Anmachspruch in der U-Bahn als unzumutbare Belästigung angeprangert wurde, aber an dem Tag, an dem es wirklich um etwas ging, eine breite öffentliche Diskussion ausblieb.

Wenn 50 000 Aufschrei-Einträge bei Twitter eine Welle der gesellschaftlichen und medialen Empörung auslösen können, warum sind wir dann so verhalten, wenn es um Frauen in Indien geht, wo rein statistisch alle halbe Stunde eine Vergewaltigung stattfindet? Oder in Russland, wo jährlich 14 000 Frauen von ihren Männern zu Tode geprügelt werden? Oder in Bangladesch, wo jedes dritte minderjährige Mädchen zwangsverheiratet wird? Vielleicht blieb es hierzulande so still, weil es anstrengend ist, sich mit dem Rest der Welt und dem Leid der anderen auseinanderzusetzen. Vielleicht aber auch, weil die kurzfristige Lust am Skandal größer ist als das langfristige Interesse an der Sache.

Es ist eben leicht, 140 Zeichen zu twittern, um sich zu empören und zu klagen. Sich wirklich in Bewegung zu setzen ist ungleich mühsamer. Ein Tanz ist ein Anfang. Und in manchen deutschen Städten sind Frauen tanzend auf die Straße gegangen. Den Medien ist diese Aktion nur ein paar Zeilen und bunte Fotos wert gewesen, das breite Publikum hat sie ohne große Emotionen zur Kenntnis genommen. Gerade deshalb sollten wir öfter tanzen gehen. Darf ich bitten?

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP/das/sap)
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