Kolumne Frauensache: "Herr Professorin" - wenn Sprache lächerlich wird

Kolumne Frauensache : "Herr Professorin" - wenn Sprache lächerlich wird

Die Uni Leipzig will für Titelbezeichnungen grundsätzlich die weibliche Form verwenden. Das mag nach Gleichberechtigung klingen, ändert aber an den tatsächlichen Verhältnissen herzlich wenig.

"Lasst uns doch mal was Verrücktes tun", mag sich der Senat der Universität Leipzig Mitte April gedacht haben. Vielleicht war es ein verspäteter Aprilscherz, vielleicht aber auch der kalte Regen, der dem Gremium aufs Gemüt schlug — jedenfalls beschloss es damals, für Titelbezeichnungen grundsätzlich das Femininum zu verwenden. Rektorin, Dozentin, Professorin — in der Grundordnung der Universität soll künftig nur noch die weibliche Personenbezeichnung stehen. Eine Fußnote ergänzt, dass diese Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

In Leipzig lehrt also der Herr Professorin den Herrn Studentin demnächst die Germanistik. Ja, Sprache ist Macht. Aber Sprachbeugung macht nichts — die gesellschaftlichen und ökonomischen Fakten bleiben trotzdem. Bei den Professuren liegt der Frauenanteil in Deutschland bei 19 Prozent, unter den Lehrenden sind sie also in der Minderheit. Wenn diese Minderheit nun der Mehrheit ihre Geschlechtsbezeichnung aufzwingt, mag das nach Gleichberechtigung klingen, ändert allerdings an den tatsächlichen Verhältnissen herzlich wenig.

Herr Professorin hin oder her, es gilt frei nach Gertrude Stein: Eine Minderheit ist eine Minderheit ist eine Minderheit. Wenn sich die Berliner Ökonomie-Professorin und Gender-Expertin Friederike Maier nun freut, dass sich jetzt mal die Männer aufregen müssten, die bisher ihre Kolleginnen belächelt hätten, wenn es um das Gefühl des Ausgegrenztseins ging, wirkt das wie ein mädchenhaftes Ätschibätsch. Der Grat zum Lächerlichen ist schmal und wird leider oft überschritten, zumeist von uns Frauen selbst. So begrüßte die Berliner Senatorin Anne Klein die weiblichen Mitglieder des Senats mit "Liebe Mitgliederinnen". Das war 1989. Heute besteht der Berliner Senat trotzdem aus sechs Männern und nur drei Frauen. Die ideologischen Geschlechterkämpfe des 20. Jahrhunderts, die Versuche der Deutungshoheit durch Sprache — sie haben offensichtlich nicht viel bewirkt.

Der Feminismus des 21. Jahrhunderts sollte daher nicht im Ideologischen, sondern in der Praxis kämpfen: dafür, dass die Politik vernünftige Rahmenbedingungen schafft, damit wirtschaftliche Gleichberechtigung möglich wird, angefangen bei einem ausreichenden und bezahlbaren Angebot zur Kinderbetreuung bis hin zu einer Frauenquote. Im Vergleich dazu ist der Kampf um die richtigen Worte doch eine Petitesse.

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(RP/jre/jco)
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