Kolumne Frauensache: Full-Merkel-Jackett und Madame Nö

Kolumne Frauensache : Full-Merkel-Jackett und Madame Nö

Es geht um Inhalte, sagen immer alle in der Politik. Trotzdem sollten wir auf die Äußerlichkeiten achten.

Wenn wir später einmal an die Gespräche zwischen SPD und Union zur Regierungsbildung zurückdenken, an welche Bilder werden wir uns erinnern? Vielleicht an die Farbe von Angela Merkels Jackett, das sie bei den entscheidenden Sondierungsgesprächen trug: Merkel erschien in Rot, durchaus als Signal an die Genossen zu verstehen. Schließlich hatte die Kanzlerin am Tag nach der Bundestagswahl erklärt, dass die Farbwahl ihrer Jacketts von Bedeutung sei: "Ich habe heute früh vor meinem Kleiderschrank gestanden und irgendwie gedacht: Rot geht nicht, knallgrün geht nicht. Blau war gestern." Merkel lebt ihre Macht und ihren chamäleonhaften Politikstil mit allen Fasern, eben Full-Merkel-Jackett.

Wenn wir schon bei Äußerlichkeiten sind, dann könnte auch von Bedeutung sein, dass Hannelore Kraft an jenem Sondierungstag obenrum (Unions-)Blau trug. Hätte man da schon vor den Gesprächen wissen können, dass ausgerechnet die größte Kritikerin von Schwarz-Rot am Ende des Tages Koalitionsverhandlungen eine ganz prima Sache finden würde? Nicht nur bei möglichen Jackettbotschaften sind Ähnlichkeiten zwischen Merkel und Kraft zu erkennen. Kraft denke vom Ende her, ließ einer ihrer Vertrauten kürzlich die Hauptstadtjournalisten wissen. Merkel, ick hör' dir trapsen, ist das Vom-Ende-her-denken doch die Spezialität der Kanzlerin. Auch in einem weiteren Punkt erweist sich Kraft als Nachahmerin: binnen kürzester Zeit aus einem Nein ein Ja zu machen. Merkels Gebaren in der Eurokrisenpolitik hatte ihr einst den Namen "Madame Non" eingebracht: keinen Cent aus Deutschland für die Rettung Griechenlands, keinen Schuldenschnitt, keinen Kauf von Staatsanleihen der Krisenländer durch den Rettungsschirm — rote Linien, die sie dann selbst wegradierte.

Nun erlebte die Republik eine "Madame Nö" aus dem Ruhrpott: Die SPD sei nicht als Mehrheitsbeschafferin der CDU angetreten, sagte Kraft. Als Neuling im Nein-Geschäft überließ sie zwar den entscheidenden Satz ("Wir streben eine solche Koalition nicht an und am Ende wird es eine auch nicht geben können") ihrem Fraktionsvorsitzenden Römer, doch sprach er aus was Kraft wollte. Seit Donnerstag ist dieser Wille ein anderer: Koalitionsverhandlungen verkauft sie nun als Chance auf den Politikwechsel, den die SPD immer wollte. Früher zeigten SPD-Männer ihre Ambitionen auf Größeres, indem sie mit den Worten "Ich will hier rein" am Tor des Kanzleramts rüttelten. SPD-Frauen werden da heute deutlicher: Sie agieren einfach so, als wären sie die Kanzlerin.

(RP)
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