Frauensache: Falscher und richtiger Feminismus

Frauensache : Falscher und richtiger Feminismus

Wenn die zwei kräftigsten Argumente für Frauenanliegen die weiblichen Brüste sind, dann ist das ein Armutszeugnis für den Feminismus– zumindest für den, der von den Aktionistinnen von Femen betrieben wird.

Manchmal sind Frauen seltsam. Zum Beispiel, wenn sie glauben, die Ungerechtigkeit dieser Welt mit nackten Brüsten bekämpfen zu können. Femen heißt die Feministinnen-Truppe, die nun auch in Deutschland aus Protest blank zieht: Beim Besuch des russischen Präsidenten Putin in Hannover als Zeichen gegen die Diktatur. Auf der Reeperbahn als Demonstration gegen die Sexindustrie. In Berlins Straßen als Signal gegen die NPD.

Die Femen-Frauen wollen mit ihren Aktionen dem deutschen Patriarchat an den Kragen: "Weibliche Nacktheit, frei vom patriarchalen System, ist der Totengräber dieses Systems, als ein militantes Manifest und sakrales Symbol zur Befreiung der Frauen", heißt es auf ihrer Facebook-Seite. Selten sind Brüste dermaßen mit Bedeutung aufgepumpt worden. Die Nacktheit hat allerdings auch einen ganz pragmatischen Grund: Angezogen höre ihnen niemand zu, sagt eine der Aktivistinnen.

Moment mal, war da nicht was? Gab es nicht einen Aufschrei junger, emanzipierter Frauen gegen den Sexismus, den sie angeblich täglich in einer männerdominierten Politik- und Berufswelt erleben? Und jetzt ziehen junge, emanzipierte Frauen los und zeigen ausgerechnet ihre blitzblanke Körbchengröße, um der Kaste der Kerle den Garaus zumachen. Wenn die zwei kräftigsten Argumente für Frauenanliegen die weiblichen Brüste sind, dann ist das ein Armutszeugnis für den Feminismus– zumindest für den, den Femen betreibt.

Bemerkenswert, dass ausgerechnet ein Mann vormacht, wie entspannt moderner Feminismus aussehen kann. Michael Kimmel, ein US-Soziologieprofessor, erklärt in seinem Buch "A Guy's Guide to Feminism", warum die Frauenbewegung auch Männer etwas angeht. Und er räumt mit Vorurteilen auf, etwa dass Feministinnen im Mann den Feind sehen: "Frauen, die vom Feminismus angesteckt sind, erwarten nicht nur von Männern, dass sie sich anständig benehmen, sie haben zugleich ein tiefes Vertrauen in unsere Fähigkeit, dies zu tun."

Auch das Klischee der emanzipierten Frau als spaßfreie Furie entkräftet er: Das sei eine selektive Wahrnehmung, entstanden durch die Medien, die oft Feministinnen gezeigt hätten, die gerade wütend waren. "Weil man es nicht besser wusste, hatte man den Eindruck, das sind Frauen, die 24 Stunden am Tag wütend sind", sagt Kimmel.

Sein Buch ist ein Plädoyer für ein Geschlechterverhältnis auf Augenhöhe: Feminismus ermuntere Frauen selbstbewusster zu sein und Männer mehr Gefühle zuzulassen. Eine Geben und Nehmen eben. Das ist entspannt – und anziehend.

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(RP)
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