Ein verborgenes Urinal vor Alice Schwarzers Bayenturm

Frauensache : Ein verborgenes Urinal vor Schwarzers Bayenturm

Ausgerechnet vor Alice Schwarzers Frauenarchiv in Köln gibt es ein "gendermäßig unkorrektes Erleichterungsinstrument".

In der Berichterstattung über Alice Schwarzer und ihr Schweizer Bankkonto ist nicht nur das Private politisch geworden, sondern auch das Nebensächliche. So war etwa zu erfahren, dass vor dem Kölner Bayenturm — in dem die "Emma"-Redaktion und das Informationszentrum zur Geschichte der Emanzipation der Frau untergebracht sind — ein Urinal installiert ist. Und zwar nicht irgendeins, sondern Kölns erstes ausfahrbares Männer-Pipi-Auffang-Gerät. Es heißt "Urilift": Tagsüber im Pflasterstein versenkt, wird es abends an die Oberfläche geholt, um die "Wildpinkler" davon abzuhalten, sich an der Wand des Bayenturms zu erleichtern.

Ha, sagt mancher, da sehe man doch wie privilegiert die Schwarzer sei: Während anderswo den männlichen Bedürfnissen freier Lauf gelassen werde, sei die "Emma"-Redaktion geschützt. Doch man kann die Sache auch anders sehen: Trotz jahrzehntelangem Kampf für die Gleichberechtigung ist vor den Büroräumen des Verlautbarungsorgans der Emanzipationsbewegung ein gendermäßig unkorrektes Erleichterungsinstrument platziert worden. In Zeiten von Unisex-Toiletten kann der Urilift als Rückfall verstanden werden. Insofern gilt selbst beim kleinen Geschäft, was Schwarzer stets angeprangert hat: die Frau als Opfer einer männlich dominierten Gesellschaft.

An der Opfernummer versucht sich auch Ex-"taz"-Chefredakteurin Bascha Mika. In ihrem neuen Buch erklärt sie, warum die Gesellschaft das Altwerden zu einem Frauenproblem macht. Schuld sei das tradierte Bild der alternden Frau, welches wiederum Ausdruck patriarchalischer Herrschaftsstrukturen sei. Graues Haar und schlaffe Haut werden nur bei Männern akzeptiert. Wo "der 30. Geburtstag schmerzhaft erlebt wird, spüren 40- und 50-Jährige erst recht den kränkenden Blick und die gesellschaftliche Abwertung". Das klingt verbittert. Gestrig wird Mika, wenn sie behauptet Frauen würden aufgrund ihres Alters auch beruflich ins Abseits gedrängt. Zum einen muss weder eine Ärztin, Richterin oder Chefredakteurin wegen Falten um ihre Karriere fürchten. Zum anderen spielt selbst im TV-Geschäft mittlerweile das Alter keine Rolle mehr: Frauen wie Maybrit Illner, Sandra Maischberger und Anne Will, die kurz vor ihrem 50. stehen, sind der lebende Beweis.

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(RP)
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