Frauensache: Die neue Freiheit der Frauen

Frauensache : Die neue Freiheit der Frauen

Er war mein Chefredakteur, und er nannte mich Lewinsky, wie die Praktikantin im Weißen Haus, die eine Affäre mit dem Präsidenten hatte. Damals war ich 24 und hatte beschlossen, Journalistin zu werden.

Das wollten allerdings auch viele andere, und die waren nicht nur jünger, sondern auch erfahrener als ich. Auf meine Bewerbungen um einen Praktikumsplatz folgte Absage um Absage — bis mir eben jener Mann, nennen wir ihn Hans Meister, bei seinem Wirtschaftsmagazin eine Chance gab. "Wollen wir doch mal sehen, was Sie können, Lewinsky", sagte er.

Wenn ich zur Redaktionskonferenz den Raum betrat, begrüßte mich Meister mit den Worten "Sitzen machen, Lewinsky". Dieses "sitzen machen" hatte er aus dem Billy-Wilder-Film "Eins, zwei, drei".

Damals habe ich Hans Meisters Verhalten weder als anstößig noch als übergriffig empfunden. Vielleicht, weil Meister auch seinen männlichen Jungredakteur nie mit Namen ansprach, sondern mit "der Junge" (nach dem Protagonisten in Hans Falladas Roman "Kleiner Mann, was nun?"). Vielleicht aber auch, weil Meister mich zwar Lewinsky nannte, aber wie eine Kollegin behandelte — nach dem Praktikum bot er mir eine Festanstellung an.

Heute kann ich die Geschichte von Hans Meister nicht mehr unbefangen erzählen. War der Mann, der mir eine Chance gab, ein Sexist? Hätte ich als selbstbewusste junge Frau aufschreien müssen? Fragen, die ich mir damals nicht stellte, die heute aber zum Subtext dieser Geschichte geworden sind. Das hat mit dem Feminismus zu tun, der in diesem Land gelebt wird — einem Feminismus, der uns freier macht und zugleich doch wieder einengt, weil er ein Frauenbild ohne Grautöne propagiert.

Die sich anbahnende große Koalition hat die Gelegenheit, das zu ändern, indem sie sowohl eine Frauenquote einführt als auch das Betreuungsgeld bestehen lässt. Denn der Widerspruch, einerseits die Karrieremöglichkeiten von Frauen zu verbessern und sie andererseits an den Herd zurückzulocken, ist nur ein scheinbarer. Tatsächlich haben Frauen erst durch das Nebeneinander von Quote, Betreuungsgeld und dem Anrecht auf einen Kitaplatz eine echte Wahl, wie sie Beruf und Mutterschaft handhaben wollen.

Diese Freiheit könnte langfristig das Verhältnis zwischen Mann und Frau in der Arbeitswelt entspannen. Wenn Kinderbetreuung als gleichwertig zu einer beruflichen Tätigkeit akzeptiert wird, würden die Rollenbilder brechen: Auch Männer könnten sich dann für das Nur-Vater-Sein entscheiden. Meinen Sie nicht auch? Ihre Dagmar Lewinsky

(RP)
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