Frauensache: Dem Zickenphänomen auf der Spur

Frauensache : Dem Zickenphänomen auf der Spur

Reagiert eine Frau ungehalten – wie etwa im Falle der Schauspielerin Katja Riemann während eines Interviews –, gilt sie als schwierig. Einem Mann bescheinigt man Mut und herzerfrischende Deutlichkeit.

Reagiert eine Frau ungehalten — wie etwa im Falle der Schauspielerin Katja Riemann während eines Interviews —, gilt sie als schwierig. Einem Mann bescheinigt man Mut und herzerfrischende Deutlichkeit.

Aus aktuellem Anlass habe ich gerade auf brigitte.de — dem Internetportal der Zeitschrift, der die Frauen seit Jahrzehnten vertrauen — den "Zicken-Test" gemacht. Schließlich haben wir nach der Sexismus-Debatte nun eine Zicken-Debatte, seit Katja Riemann vor einer Woche auf dem roten Sofa im NDR gesessen hat. Also habe ich dem Zickenphänomen nachrecherchiert und bin auf diesen Test gestoßen. Die von der "Brigitte"-Redaktion scheinen uns Frauen allerdings nicht für sehr helle zu halten, denn die Antwortmöglichkeiten auf die Fragen sind so dämlich, dass ich meinen ehrlichen Zickenquotienten nicht ermitteln konnte. Hier eine Kostprobe: "Eine Arbeitskollegin sagt, Sie hätten einen Fehler gemacht. Wie reagieren Sie? A) Ich bin sprachlos, sage, dass ich im Moment nicht adäquat antworten kann. B) Ich höre mir an, was sie vorzubringen hat. C) Ich mache keine Fehler. Niemals! Aber ich suche von nun an jeden Fehler, den die Kollegin irgendwo gemacht hat." Puh!

Ähnlich dämlich waren zum Teil auch die Fragen, die der NDR-Moderator Katja Riemann gestellt hat. Sie war in der Sendung, um über ihren neuen Kinofilm zu reden. Der Moderator eröffnet das Gespräch mit Riemanns Haarfarbe in dem Film, braun statt blond: "Wie haben Sie das gemacht mit diesen Haaren? Haben Sie die gefärbt, oder wie geht das?" Der NDR traut seinen Zuschauern offenbar ähnlich wenig zu wie "Brigitte" ihren Lesern. Ein Einspieler über Katja Riemanns Heimatort zeigt die Treppe in ihrem einstigen Zuhause. "Das ist nicht irgendeine Treppe", heißt es in dem Beitrag. Denn sie sei früher himmelblau gestrichen gewesen, "die Himmelstreppe der Familie Riemann". Wenn Katja Riemann auf die Frage des Moderators, was sie nach diesem Einspieler empfinde, antwortet: "Wahnsinnig peinlich", kann man ihr nur Recht geben. Warum aber gilt solch weibliche Gegenwehr immer gleich als Zickigkeit? Als Rudi Völler nach einem miesen Spiel der Nationalmannschaft die Fragen von Moderator Waldemar Hartmann so daneben fand, dass er die Contenance verlor ("Das ist das Allerletzte. Wechsel besser den Beruf!"), war das ein "Gefühlsausbruch", "herzerfrischend deutlich". Offenbar sind manche Rollenbilder unkaputtbar, trotz Genderforschung und Unisex-Toiletten.

Deshalb zum Schluss ein geschlechterverständigender Vorschlag: Wir ersetzen zickig durch kapriziös (stammt aus dem Lateinischen, capra, die Ziege), dann klingt es wie ein Kompliment. Also liebe Katja Riemann, Glückwunsch zu Ihrem kapriziösen Auftritt.

(RP)
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