Eva Stories: Der Holocaust bei Instagram

Gesellschaftskunde : Der Holocaust bei Instagram

Die Judenvernichtung als verwackeltes Online-Filmchen – darf man das? Ja, man darf. Das Projekt „Eva Stories“ ist keine Effekthascherei, sondern ein Experiment der Wahrnehmung. Unserer Wahrnehmung.

Was wäre, wenn ein Mädchen im Holocaust Instagram gehabt hätte? Das klingt absurd, weil es ein brutaler Anachronismus ist. Gestellt hat die Frage der Israeli Matti Kochavi, und er gibt auch gleich eine Antwort: einige Dutzend kurze Filme im sozialen Network Instagram unter dem Titel „Eva Stories“. Sie erzählen die Geschichte der 13-jährigen Ungarin Eva Heyman, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Ihr Tagebuch ist die Grundlage für Kochavis aufwendiges Projekt. Es ist ein Experiment der Wahrnehmung.

Gezeigt wird etwa, wie Eva einen Viehwaggon besteigt. Man hört, wie sich die Türen schließen, man sieht, wie es dunkel wird. Das erinnert an Szenen aus „Schindlers Liste“, nur radikaler: weil das verwackelte Online-Filmchen die Ich-Perspektive betont. Der Rest ist buchstäblich Schweigen; anders als Steven Spielberg zeigt Kochavi keine Szenen aus Auschwitz. Über Evas Schicksal informiert ein kurzer Text.

Es sind, auch wenn man an bildlicher Darstellung des Holocaust einiges gewohnt ist, schwer erträgliche Bilder. Sie setzen auf Effekt; auch deshalb gab es Kritik. Voyeurismus? Eine Obszönität gar, den Judenmord so darzustellen? Nicht ganz. Das Obszöne, Unfassbare, Himmelschreiende ist nicht die Darstellung, sondern das Dargestellte. „Eva Stories“ hebt nur den Realismus der Darstellung auf eine neue Ebene.

Kochavi kommen die vielen Likes zweifellos recht. 1,6 Millionen Menschen haben „Eva Stories“ abonniert. Wenn nur ein paar Hundert von ihnen jetzt mehr über den Holocaust wissen, dann war das Ganze nicht umsonst. Wenn nur ein paar Dutzend nun lieber keine fröhlichen Selfies mehr für ihren Instagram-Account am Berliner Holocaust-Mahnmal knipsen, umso besser. Denn wirklich unerträglich in Sachen Auschwitz sind nicht Filme wie „Eva Stories“, sondern Unwissen und ignorante Fröhlichkeit.

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