Die Grünen müssen zeigen, was sie mit ihrer Verantwortung machen wollen.

Berliner Republik : Die neue Stärke der Grünen

Die Sozialdemokraten haben ihre Rolle als Fortschrittspartei verloren.

Mit dieser Europawahl haben sich die Grünen von einer Art Bann befreit. Bislang stiegen sie stets während der Zeit zwischen den Wahlen in den Umfragen so hoch, dass sich die Fragen stellte: Sind die Grünen neue Volkspartei? Brauchen sie künftig bei Bundes- und Landtagswahlen auch Kanzler- und Ministerpräsidentenkandidaten? Dann aber kam der Wahltag und allzu oft der Absturz. Aktuell im Bundestag stellen die Grünen mit 8,9 Prozent die kleinste Fraktion.

Nur in Baden-Württemberg konnten sie sich bisher als Volkspartei etablieren. Im Zuge der Reaktorkatastrophe von Fukushima und des Streits um Stuttgart 21 schaffte es Winfried Kretschmann in die Staatskanzlei des CDU-Stammlandes. Allerdings ist Kretschmann ein Konservativer mit Parteibuch der Grünen. Daher stand er nie dafür, dass seine Partei tatsächlich von der Klientel- zur Volkspartei wird und der SPD dauerhaft das Image der Fortschrittspartei abknöpfen könnte.

Mit der Europawahl ist das anders. Dieser Sieg gehört dem Zentrum der Grünen in Deutschland, also Annalena Baerbock und Robert Habeck. Sie und ihre Europa-Spitzenkandidaten, Sven Giegold und Ska Keller, haben auch vom gesellschaftlichen Trend profitiert, wonach das Thema Klimaschutz zumindest in Deutschland zur Kernfrage dieser Europawahl wurde. Keine andere Partei steht so konsequent für Umweltschutz und nachhaltige Lebensweise wie die Grünen.

Nun hat die Partei die schwierige Aufgabe, was sie mit ihrer neuen Stärke macht. In der Opposition ist bislang nicht aufgefallen, dass es keine geeigneten Konzepte zu Finanzen, Steuern und Sozialpolitik gibt, die den aktuellen Herausforderungen gerecht würden. Die Grünen werden auch die Frage beantworten müssen, ob sie das Kanzleramt anstreben.

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Autorin: kolumne@rheinische-post.de

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