Kolumne „Mit Verlaub!“: Der Sprachkommissar geht um

Kolumne „Mit Verlaub!“ : Der Sprachkommissar geht um

Moralatheten mit politischem Korrektheitsfimmel lieben die Duckmäuser.

Vor gut fünf Jahren erschien an dieser Stelle die Kolumne „Politisch inkorrekt“. Das verwies darauf, dass eine übersteigerte politisch Korrektheit nicht erst seit Neuestem „die Krankheit unserer Zeit“ ist, wie der Journalist und Medienunternehmer Gabor Steingart schrieb. Steingart zitierte das Resultat einer Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach: Danach sind zwei Drittel der Bürger der Meinung, man müsse mittlerweile sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert. Büros, Hörsäle, Talkrunden, Parlamente – überall scheint eine einflussreiche Minderheit von Moralathleten darauf bedacht zu sein, Gedanken- und Redefreiheit unter Aufsicht zu stellen. „Drah di net um, der Kommissar geht um“. Vielleicht würde der unvergessene Sänger Falco in seinem altbekannten Text heute „Kommissar“ durch „Sprachkommissar“ ersetzen.

Bei Falco geht der Song über den Aufpasser von Staats wegen so weiter: „… er hat die Kraft und wir san klein und dumm, und dieser Frust macht uns stumm.“ Kurt Tucholskys Satz, wonach Toleranz der Verdacht sei, der andere könnte Recht haben, ist dem politisch Korrektem zuwider. Er fabuliert von Stärke der Demokratie, gerne auch „von unseren Werten“, die es zu verteidigen gelte; aber lieben tut er die Duckmäuser, die sich seinen politisch-gesellschaftlichen Vorstellungen, die er selbstverständlich für progressiv hält, nicht sanktionslos öffentlich zu widersetzen haben. Wagen die politischen Frei- und Andersdenker trotzdem den aufrechten Gang, werden sie von denjenigen zuerst an den Pranger gestellt, die ansonsten fix andere Ansichten als „mittelalterlich“ etikettieren. Die Gedanken sind frei. Wohl wahr. Aber wehe, sie decken sich nicht mit denjenigen der meist im sicheren Port vor Anker liegenden Moralathleten mit ihrem politischen Korrektheitsfimmel.

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