Der Sport ist unpolitisch? Wie scheinheilig!

Kolumne „Gesellschaftskunde“ : Der Sport ist nicht unpolitisch

In der Debatte um den Salut türkischer Fußballspieler wegen der Syrien-Offensive schwingt viel Scheinheiligkeit mit. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Politik Platz im Sport hat, sondern wie viel und welche.

Lasst uns mit Politik in Ruhe! So tönt es derzeit allenthalben, wenn es um den militärischen Gruß türkischer Fußballer geht – eine Geste in Richtung des türkischen Militärs, das derzeit in Syrien kämpft. Zu hören ist der Satz in Variationen von Spielern (die keine Politik im Sinn gehabt haben wollen, als sie entsprechende Fotos likten) und von Funktionären (die ihre Spieler von politischen Ambitionen freisprechen).

Auch wenn der Verdacht der Dreistigkeit naheliegt: Sei es, wie es sei – man kann den Menschen nicht hinter die Stirn gucken. Was allerdings aufhören sollte, ist die scheinheilige Beteuerung, der Sport, speziell der Fußball, habe mit Politik nichts zu tun. Hat er sehr wohl. Ein beliebiges Balkan-Länderspiel beweist das eindrucksvoll. Und wenn Liga und Vereine hierzulande mit Regenbogenfahnen in den Stadien gegen Homophobie eintreten, wenn die Uefa Spots gegen Rassismus schaltet – was ist das dann? Sind Menschenrechte keine Politik? Doch. Aber eine, die gottlob weitgehend unstrittig ist.

Das Problem ist nicht „die“ Politik, sondern ihr kontroverser Teil. Was, wenn etwa Christian Pulisic vom BVB 2018 Donald Trumps Militärschlag in Syrien gelobt hätte? Wenn Bayerns Brasilianer Philippe Coutinho den rechtsradikalen Jair Bolsonaro priese? Wenn sich Timo Werner von RB Leipzig zur AfD bekennen würde? Der eine oder andere wäre womöglich freigestellt worden, wie jetzt Cenk Sahin von St. Pauli wegen seines Syrien-Posts. Rechtlich mag das anfechtbar sein – mit Kritik, auch harscher, an seiner politischen Positionierung muss aber jeder Spieler leben. Die Kernfrage ist nicht, ob die Politik Platz im Sport hat, sondern wie viel und welche. Wo genau dabei die Grenze zwischen Vaterlandsliebe und Chauvinismus, zwischen national und nationalistisch verläuft, darüber muss sich jeder seine Gedanken machen. Jeder Verein. Und jeder Fan.

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