Kolumne Berliner Republik: Was Angela Merkel wirklich fürchten muss

Kolumne Berliner Republik : Was Angela Merkel wirklich fürchten muss

Angela Merkel ist beliebt im Volk, unangefochten in ihrer Partei. Dennoch bereiten den CDU-Strategen ein junges und ein besonders altes Phänomen Sorgen.

In der Politik gilt wie in der Kriegsführung: Der unbekannte Gegner ist meist der gefährlichere. Der Satz lässt sich auch auf die Bundestagswahl und den Kampf um das Bundeskanzleramt anwenden. Es sind nicht Peer Steinbrück und Jürgen Trittin, die Angela Merkel im Herbst fürchten muss. Merkels gefährlichste Gegner heißen Bernd Lucke und Ferdinand Lasalle.

Der eine ist ein jungenhaft aussehender Ökonomie-Professor, der in wenigen Wochen mit einer dezidiert Euro-kritischen Programmatik die Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) aus dem Boden gestampft hat. Der andere ist Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die Vorläuferorganisation der SPD, die am 23. Mai vor exakt 150 Jahren in Leipzig gegründet wurde. Die jüngste und die älteste Partei in Deutschland sind es nun also, die Merkels Macht zerreiben könnten.

Denn: Luckes standortschädliche, aber in der Botschaft ziemlich eindeutige Anti-Euro-Partei gräbt auch dem bürgerlich-liberalen Lager Wählerschichten ab wie ein Schaufelradbagger im Tagebau. Der Europarettung müde Merkel-Wähler sympathisieren nicht nur heimlich mit der Alternative, die inzwischen drei Prozent in Umfragen erreicht. Die CDU hofft zwar, dass SPD-Wähler noch stärker als die Konservativen dem Lockruf der Euro-Skeptiker erliegen — aber ausgemacht ist das noch längst nicht.

Die Hoffnung der SPD-Strategen

Die Nervosität der CDU ist schon daran zu erkennen, dass die sonst im Wahlkampf eher gemächlich agierende Partei eilends von der Adenauer-Stiftung ein Kampfpapier zum Umgang mit der jungen Partei anfertigen ließ. Nun sollen CDU-Kampagneros darauf angesetzt worden sein, auf den Landeslisten der AfD für die Bundestagswahl wirre Theoretiker, krude Anti-Europäer und rechtslastige Emporkömmlinge zu finden, anhand derer sich die AfD diskreditieren ließe.

Schwierig könnte es im Endspurt aber vor allem mit Ferdinand Lasalle werden. Die SPD will auf Hunderten Veranstaltungen bis zur Bundestagswahl ihre ruhmreiche Tradition als Nazi-Gegner und Kämpfer für die Arbeiter feiern. Die Hoffnung der SPD-Strategen: Der gemeine Wähler möge die großen Linien der Sozialdemokratie — Freiheit, Solidarität, Demokratie — als Wertekompass bestaunen, der einer vermeintlich inhaltsleeren und konturlosen CDU-Kanzlerin gegenübersteht.

In drei Wochen dürfte Merkel auf ihre Weise diese Strategie durchkreuzen. Sie wird die große Historie der SPD ausdrücklich loben — als Stargast beim Staatsakt zur 150-Jahr-Feier der SPD. Vielleicht wird der Wähler dann sogar die stolzen Errungenschaften der SPD irgendwie auch der Kanzlerin zuordnen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Merkel zu Gast bei Niebels 50. Geburtstag

(brö)
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