Kolumne: Berliner Republik: Warum Flügelkämpfe nützlich sein können

Kolumne: Berliner Republik : Warum Flügelkämpfe nützlich sein können

Flügelkämpfe sind so alt wie die Parteien selbst. Wenn es - wie gerade bei der AfD - richtig zur Sache geht, rupfen sich die Kontrahenten gegenseitig die Federn aus.

Selbstverständlich gibt es keine Ähnlichkeiten zwischen den Grünen und der AfD - oder doch? Inhaltlich natürlich nicht. Aber blickt man auf die ersten Jahre der Grünen, dann waren die innerparteilichen Auseinandersetzungen ähnlich hart, persönlich und existenziell wie dies gerade bei der AfD der Fall ist. Auch wurde jeder Streit öffentlich ausgetragen, wie dies die selbst ernannte Alternative für Deutschland nun auch macht. Eine Gründungsgrüne hat aus diesen Zeiten die sarkastische Weisheit mitgenommen, dass die Demokratie die "Diktatur des Gesäßes" sei: Nur wer bis zum Ende einer langen, kontroversen Sitzung bleibt, hat die Chance, sich und seine Position durchzusetzen. Manchmal ist sogar eine gute Blase vonnöten, um diese Art von Politik durchzustehen.

Bei den Grünen hat sich am Ende oft die Vernunft durchgesetzt und mit ihr die Realpolitiker. Bei der AfD sieht das im Moment überhaupt nicht danach aus. Die Nationalkonservativen haben nun den Wind unter ihrem Flügel, den Noch-AfD-Chef Bernd Lucke zuvor verbreitet hat.

Im Regierungsviertel sieht man dieser Streiterei entspannt zu. Denn jeder der das kleine Einmaleins der Politik beherrscht, weiß (meistens aus eigener Erfahrung), dass anhaltender öffentlicher Zank dem Image einer Partei etwa so förderlich ist wie kollektiver Fußpilz. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die AfD zerlegt und in die Bedeutungslosigkeit zankt, bevor sie einen Wahlkampf 2017 organisieren kann, ist groß.

Wie liederlich der Zustand einer Partei ist, kann man auch immer daran messen, wie viel von dem Streit, den es immer und in allen Parteien gibt, nach außen getragen wird. Für uns Journalisten ist es natürlich praktisch, wenn man sich nicht jedes Detail einer Kontroverse durch etliche Anrufe zusammenrecherchieren muss, sondern der Vorhang einfach aufgeht und die Partei ihre Posse aufführt, wie dies die AfD zurzeit Tag um Tag macht. Doch das Gemetzel auf offener Bühne langweilt schnell.

So lange die AfD sich den Anstrich der Professoren-Partei und besorgten Euro-Skeptiker geben konnte, war sie eine Gefahr für die Mitte-Merkel-CDU. Je weiter sie ins Nationalkonservative, Fremdenfeindliche und gesellschaftlich Rückwärtsgewandt driftet, desto unbedeutender wird sie werden. Parteien dieser Art sind bislang im Nachkriegsdeutschland alle verschwunden.

So ist der Flügelkampf in einer Partei auch ein Reinigungsprozess. Wenn sich nicht die Kräfte durchsetzen, die eine Partei abheben lassen, zerbricht sie zu Recht an ihrem Streit.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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