Uli Hoeneß und Alice Schwarzer: Der Verlust von Werten hat eine lange Tradition

Berliner Republik : Der Verlust von Werten hat eine lange Tradition

Sport, Kirche, Politik – Menschen, die dort früher in Spitzenpositionen saßen, galten als Vorbilder. Doch mit jedem neuen Steuer- oder Missbrauchsskandal bröckeln die Säulen, die eigentlich die Gesellschaft tragen sollen.

Sport, Kirche, Politik — Menschen, die dort früher in Spitzenpositionen saßen, galten als Vorbilder. Doch mit jedem neuen Steuer- oder Missbrauchsskandal bröckeln die Säulen, die eigentlich die Gesellschaft tragen sollen.

Schon die Römer haben darüber geklagt, dass die Steuern zu hoch und die Jugend verrottet seien. Das Gefühl des Werteverlusts in einer Gesellschaft hat also durchaus Tradition. Doch die Empfindung, in welchen Bereichen heute etwas nicht stimmt, ist eine andere. Der Bürger gewinnt vielmehr den Eindruck, dass die Zahl der Steuerhinterzieher zu hoch und die altgedienten Institutionen verrottet seien. Der Jugend hingegen bleibt nur die bange Frage: Was hinterlasst ihr uns außer einem Schuldenberg und der Gewissheit, dass nichts mehr gewiss ist?

Wo soll man anfangen bei der Aufzählung in ihren Grundfesten erschütterter Institutionen? Beim ADAC, der sich immer als Anwalt der Verbraucher in Szene setzte, diese aber munter betuppte? Bei der Kirche, bei der Missbrauchsskandale und ein Protz-Bischof in der öffentlichen Wahrnehmung eine viel größere Rolle spielen als die Verkündigung? Oder beim Amt des Bundespräsidenten, das nach zwei Rücktritten den Ruf der Unfehlbarkeit verloren hat? Ganz zu schweigen von den Persönlichkeiten, die bis zum Bekanntwerden ihrer Steuerhinterziehung als moralische Instanzen galten wie Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer.

Um den Zustand der Gesellschaft nicht düsterer zu zeichnen, als er ist, muss an dieser Stelle auch darauf hingewiesen werden, dass unsere Spielregeln strenger geworden sind. Steuerhinterziehung ist eben kein Ausweis besonderer Cleverness mehr, sondern schlicht ein Straftatbestand. Und wer heute ein guter Netzwerker sein will, muss ohne großzügige Geschenke auskommen, um Menschen von sich zu überzeugen. Also: Vetternwirtschaft und Korruption hat es selbstverständlich auch in früheren Jahren gegeben. Die Chance, dass die Delikte ans Tageslicht kommen, ist durch ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein und durch die Technik der neuen Medien gewachsen. Vor 30 Jahren hätte beispielsweise noch kein Finanzminister Steuer-CDs ankaufen können. Damals hätte man noch mit einem Koffer die Listen der Steuersünder über die deutsch-schweizerische Grenze tragen müssen. Minister, die bei ihrem Doktortitel gemogelt haben, wären ohne die Online-Verbreitung ihrer Schriften und der Schriften derer, von denen sie abgeschrieben haben, auch nicht aufgefallen.

Man mag also das hoffnungsvolle Fazit ziehen, dass die Welt nicht schlechter, aber eben transparenter und damit das Schlechte besser sichtbar geworden ist. Beruhigend ist das allerdings nicht. Denn allein die Erkenntnis, dass die Werte verkommen, reicht nicht — wie die römische Geschichte belegt.

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(RP)