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Berliner Republik: Politik und Liebe gehen durch den Magen

Berliner Republik : Politik und Liebe gehen durch den Magen

Das Sprichwort, dass Liebe durch den Magen gehe, trifft auch auf die Politik zu. Bei Speis und Trank werden im Regierungsviertel neue politische Bündnisse vorbereitet.

Obwohl soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook sich bei Politikern wachsender Beliebtheit erfreuen, werden wichtige Entscheidungen und künftige Bündnisse immer noch analog von Angesicht zu Angesicht vorbereitet — am liebsten bei einer gemeinsamen Mahlzeit. Von Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) beispielsweise ist bekannt, dass er seine politischen Widersacher nicht nur in Grund und Boden argumentieren kann, sondern sie auch gerne privat zum Essen einlädt und mit raffinierten Rezepten milde stimmt.

Besonders beliebt sind Kungelrunden, in denen der gemeinsame Speiseplan identitätsstiftend wirkt. Gerade wurde in Berlin die "Pizza-Connection" von CDU- und Grünen-Abgeordneten wiederbelebt. In dem Clübchen treffen sich Schwarze und Grüne bei italienischem Essen zum gegenseitigen Austausch. Das Ziel ist, eine gute gemeinsame Gesprächsbasis zu haben, falls es eines Tages auf Bundesebene zu schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen kommen sollte. Die "Pizza-Connection" war ursprünglich in den 90er Jahren in Bonn entstanden, als Grüne und Schwarze noch große kulturelle Gräben trennten. Nachdem nun in Hessen erstmals Schwarz-Grün regiert, hoffen auch die Anhänger einer christlichen Öko-Regierung auf eine neue Chance.

Die Freunde einer rot-rot-grünen Regierung nennen sich offiziell "Oslo-Kreis" oder auch "R2G", was für zweimal Rot und Grün steht — nach dem Vorbild eines früheren Linksbündnisses in Norwegen. Besser bekannt sind sie aber unter dem Namen des Berliner Restaurants "Walden", in dem die regelmäßigen Treffen stattfinden.

Da auf dem Weg des gemeinsamen Speisens nicht nur neue Koalitonen vorbereitet, sondern auch brüchig gewordene Bünde gekittet werden können, wollen Schwarze und Gelbe nun die "Kartoffelküche" aus der Taufe heben. Bewusst lehnen sie sich in ihrem Namen an die gut bürgerliche Küche an. Bei den regelmäßigen gemeinsamen Restaurantbesuchen geht es nicht nur darum, die Meinung der politischen Konkurrenz einmal ohne Polemik zu diskutieren, in diesen Runden entstehen auch Netzwerke für die Zukunft.

Um die These der segensreichen, parteiübergreifenden Mahlzeiten von Politikern noch zu unterfüttern: In den frühen 80ern trafen sich Abgeordnete von SPD und Grünen regelmäßig im Bonner Restaurant Provinz. Dort soll das rot-grüne Projekt erfunden worden sein. Die Beteiligten pinnten der Legende nach sogar Kabinettslisten auf Bierdeckel. Wie sehr Rot-Grün seinerzeit in der Küchenphilosophie verhaftet war, zeigte das spätere Räsonnieren des Kanzlers darüber, wer denn nun Koch und Kellner sei in der Beziehung.

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(qua)