Berliner Republik: Plötzlich Zeit — das Leben als abgewählter Minister

Berliner Republik : Plötzlich Zeit — das Leben als abgewählter Minister

Guido Westerwelle reist, als wäre nichts gewesen. Philipp Rösler geht ins Kino, Daniel Bahr tourt durch die USA, und Dirk Niebel sucht einen Job. Die neue Wirklichkeit der geschäftsführenden FDP-Minister.

Demokratie kann schmerzhaft sein. Die abgewählten FDP-Minister erfahren das gerade. Ein ausscheidender Ressortchef, geschäftsführend im Amt und noch mit den Insignien der Macht ausgestattet, musste das erleben, als er vor einem Geschäft aus seiner Limousine ausstieg: "Warum haben Sie noch einen Dienstwagen?", blaffte ihn ein Passant an. Ein scheidendes Regierungsmitglied bekannte neulich, die Zahl der Anrufer habe sich mehr als halbiert.

Gestern im Bundestag blieben die FDP-Ressortchefs auf der Regierungsbank isoliert. Zum Schwatzen kam kaum einer vorbei. Kanzlerin Merkel gab Noch-Vize Rösler die Hand. Ohne Blickkontakt. Von heute auf morgen: unwichtig. Normalo.

Für viele Vollblut-Politiker ist dies das Horrorszenario am Ende der Berufslaufbahn. Der Entzug von der Droge Aufmerksamkeit ist der härteste, sagt man. "Und was wird aus mir?", fragte sich einst die abgewählte schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis.

Außenminister Guido Westerwelle tut einfach so, als sei nichts gewesen. Er reist zum Asien-Gipfel nach Indien, nach Abu Dhabi und zum EU-Treffen nach Brüssel. Abschiedstournee. Abends in Berlin komme es aber schon mal vor, dass Westerwelle spontan Freunde zum Essen einlade, die Monate nichts von ihm gehört hatten. Noch-Gesundheitsminister Daniel Bahr wirkt entspannter. Ihm liegen lukrative Angebote aus der Wirtschaft vor. Und er durfte unlängst in den USA vor einer Obama-nahen Politikberatung das deutsche Gesundheitssystem erklären. Prompt bezeichnete eine Zeitung den Jungliberalen als "Obama-Berater". Na ja.

Der frühere Jobvermittler und Noch-Entwicklungsminister Dirk Niebel soll derweil eifrig die Joblage sondieren. Da seine Popularität in Deutschland aber begrenzt sei, suche er bevorzugt bei "internationalen Institutionen", heißt es. Noch-FDP-Chef Philipp Rösler nimmt sich Zeit für die Familie und lädt Mitarbeiter ins Kino ein. Eine "Anschlussverwendung" hat der Wirtschaftsminister für sich noch nicht gefunden.

In eine internationale Stiftung zieht es ihn. Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Rösler einst als "liebenswürdig" bezeichnete und ihm damit einen veritablen Autoritätsverlust bescherte, soll bei einem Industrieverband nachgefragt haben, ob man für Rösler nicht einen Job habe. So weit ist es schon gekommen. Doch Mitleid ist nicht angebracht. Bereits nach einem Tag Amtszeit stehen einem Bundesminister knapp 62 000 Euro Übergangsgeld zu. Bis zu zwei Jahre lang. Viel Zeit für einen Neuanfang.

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(brö)