Kolumne Berliner Republik: Warum Angela Merkels Zitteranfälle politisch relevant sind

Kolumne „Berliner Republik“ : Angela Merkels Zitteranfälle sind politisch relevant

Der Bundeskanzlerin geht es offensichtlich nicht gut. Inzwischen sollen schon Geheimdienste untersuchen, welche Ursache Angela Merkels Zitteranfälle haben. Auch die Öffentlichkeit hat ein Recht auf diese Information.

Wenigstens eine wusste gleich, woran es gelegen hatte: Am Klimawandel. Zurück von einer Reise aus dem Irak quasselte die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock in Berlin erst davon, dass man bei solchen Temperaturen ja zwangsläufig zittrige Anfälle bekomme. Um dann einigermaßen wirres Zeug über 48 Grad im Irak und über Klimaanlagen zu erzählen, die es hierzulande nicht gebe.

Nicht nur dieser intellektuelle Aussetzer Baerbocks zeigt: Die beiden Zitteranfälle der Bundeskanzlerin innerhalb von zehn Tagen sind ein Politikum. Wäre es bei dem einen Mal geblieben, bei den militärischen Ehren in sengender Sonne vor dem Kanzleramt, dann hätte man das vielleicht noch abtun können. Aber der Vorgang wiederholte sich bei der Ernennung der neuen Justizministerin im kühlen Gemäuer des Schlosses von Bellevue. Bei der Angela Merkel ein unmittelbar angebotenes Glas Wasser ausschlug, obgleich der erste Zitteranfall mit schlotternden Beinen angeblich an Wassermangel gelegen haben soll.

Deutsche Bundeskanzler unterliegen im Unterschied zu amerikanischen Präsidenten nicht der Pflicht, in regelmäßigen Abständen ihre Gesundheitswerte öffentlich machen zu müssen. Deshalb wird hierzulande immer wieder erfolgreich gelogen, wenn es um Krankheiten von Spitzenpolitikern geht. Das war so, als Helmut Schmidt angeblich eine hartnäckige Erkältung hatte und in Wahrheit einen Herzschrittmacher eingesetzt bekam. Das war so bei Kurt Beck, als der wochenlang von der Bildfläche verschwand. Und das ist immer wieder so bei dem scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, bei dessen verstörenden Taumel-und-Stützbildern immer wieder viel Raum für Spekulation bleibt zwischen dem, was man auf den Bildern sieht, und was als Begründung dafür geliefert wird.

Im Prinzip ist gegen Diskretion nichts zu sagen. Aber der Gesundheitszustand eines Kanzlers oder einer Kanzlerin sind von eminenter Bedeutung und jedenfalls dann von öffentlichem Interesse, wenn sich Zweifel daran durch öffentliche, verstörende Bilder festgesetzt haben.

Regierungssprecher Steffen Seibert hatte nach den Bildern in der Sonne vor dem Kanzelamt verfügt: Der Kanzlerin geht es gut. Mit Verlaub: nein, das tut es offensichtlich nicht, jedenfalls nicht in jedem Moment. Seiberts Worte klingen unangenehm wie jene des Kreml, als man immer wieder Bilder von einem erkennbar verwirrten und desorientierten Boris Jelzin zu sehen bekam, dessen Mimik zugleich immer wächserner wurde. Dem Präsidien geht es gut, wiederholte der Kreml immer wieder und wahrheitswidrig.

Kanzlerjahre zählen mindestens doppelt. Wer das nicht glaubt, der sollte sich die Fotos „Spuren der Macht“ von Herlinde Koelbl anschauen. Angela Merkel ist nun bald 14 Jahre Kanzlerin. Das Wochenende unmittelbar nach der Zitterei im Bellevue war eines, wie es in diesem Job immer wieder vorkommt: Erst ab nach Osaka in Japan zum G-20-Gipfel mit den wirtschaftlich mächtigsten Ländern der Welt. Dann ab nach Brüssel, um im Ringen um die neuen Spitzenpositionen der Europäischen Union beim EU-Gipfel die deutschen Interessen zu sichern und eine Lösung in einem fast unlösbar scheinenden Gewirr von widerstrebenden Kräften und Mächten herbeizuführen. Dafür muss man im Vollbesitz seiner geistigen und physischen Kräfte sein. Sonst kann man der Aufgabe, die mit dem Amtseid verbunden ist, nicht angemessen nachkommen.

Wie man liest, interessieren sich inzwischen die Geheimdienste aller Welt für die Krankenakte der Kanzlerin, einer geht von einem „neurologischen Problem“ aus. Geheimdienste kümmern sich erfahrungsgemäß nicht um Nebensächlichkeiten. Sondern zum Dinge von Relevanz. Der wahre Gesundheitszustand der deutschen Kanzlerin ist nach den verstörenden Bildern von Relevanz. Und die Öffentlichkeit hat ein Recht auf umfassende Information, die über ein Kremlartiges Bulletin hinausgeht.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des „Cicero“ und schreibt regelmäßig an dieser Stelle. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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