Kolumne "Berliner Republik": Politische Diskussionen gehen in intoleranten Debatten unter

Kolumne „Berliner Republik“ : Sprengstoff für die Gesellschaft

Der gepflegte politische Wettstreit geht in intolerant geführten Debatten unter.

Immer mehr Themen eskalieren in der öffentlichen Debatte. Ob Migranten, Klima oder Rente – man gewinnt den Eindruck, als habe es unsere Gesellschaft verlernt, gepflegt zu streiten. Immer häufiger gibt es nur noch Schwarz und Weiß, Klimaromantiker oder Klimaleugner, Ausländerfeinde oder Multikulti-Anhänger, soziale Kälte oder Klassenkampf.

Ausgerechnet Wolfgang Kubicki, der ja zu den Freunden der klaren Aussprache gehört, macht sich nun Sorgen: „Der Rigorismus der Klima-Bewegung wird irgendwann dazu führen, dass Konflikte nicht mehr friedlich ausgetragen werden, sondern im Zweifel gewalttätig“, meint der Bundestagsvizepräsident. Nun ist es nicht nur die Klimabewegung, die rigoros aufritt. Es gibt den Trend, die eigene Meinung absolut zu setzen und Andersdenkende nicht mehr zu akzeptieren.

Nun ist Kubicki auch einer, der mit Worten Konflikte schüren kann. Sein Diskussionsstil ist zwar hemdsärmelig, aber Toleranz gegenüber Andersdenkenden gehört bei ihm immer dazu. Unsere Redaktion hat vor einem knappen Jahr ein Interview mit ihm und der früheren Grünen-Chefin, Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, geführt. Die beiden waren sich in kaum einem inhaltlichen Punkt einig und haben sehr temperamentvoll gestritten, sind sich aber mit großem persönlichen Respekt begegnet. Diese Qualität, dem anderen zu widersprechen, ihn als Persönlichkeit aber voll zu respektieren, fehlt in vielen Debatten. Die Mahnung Kubickis, dass Rigorismus in Gewalt umschlagen könnte, gehört in die Rubrik Polemik. Sie trifft dennoch das wachsende Problem der Unfähigkeit, anderen zuzuhören und sich mit deren Standpunkten inhaltlich auseinanderzusetzen. Wenn immer mehr politische Fragen das Potenzial haben, eine Gesellschaft zu spalten, dann ist das eine gefährliche Entwicklung.

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