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Kolumne Berliner Republik: Der Reiz der Ampel

Kolumne Berliner Republik : Der Reiz der Ampel

Kommt nach den Bundestagswahlen endlich die langerwartete Koalition von Grünen und CDU? Die hat mittlerweile ihren Reiz verloren. Ein rot-gelb-grünes Bündnis wäre derzeit tatsächlich die spannendste Regierungsoption.

Da fiebert man über einen langen Zeitraum auf ein Ereignis hin und wenn es dann endlich da ist, dann hat es seinen Reiz schon verloren. Die Vorfreude war zu groß, das Warten zu lang. Nichts ist so schal wie eine Idee, deren Zenit schon überschritten ist, bevor sie Wirklichkeit wird. So ist das mit Schwarz-Grün. Denn die Grünen von heute und die CDU, die Angela Merkel geschaffen hat, das ist inzwischen die wohl konventionellste Koalitionskonstellation.

Für Freunde etwas verwegenerer Farbenspiele hat der designierte FDP-Generalsekretär Volker Wissing nun etwas im Angebot. Wissings Nominierung ist ein Signal für die Ampel: Er ist als Landesminister in Rheinland-Pfalz Mitglied einer solchen Regierung. Doch warum sollten sich die Grünen in ein Dreierbündnis begeben, wenn es für Schwarz-Grün reicht?

Darauf gibt es aber gute Antworten. Erstens ist Schwarz-Grün im Bund in Wahrheit auch ein Dreierbündnis aus CDU, CSU und Grünen und damit ebenso komplex wie eine Ampel. Zweitens könnte in der Ampel 2021 Grün oben stehen und die Partei so den Kanzler oder die Kanzlerin stellen. Und drittens darf man sich vom Berliner Eindruck, die Grünen seien längst ein Flügel der großen Merkel-Partei, nicht täuschen lassen: An ihrer Basis und in ihrer Wählerschaft sind die Grünen eine linke Partei, und bei aller Anverwandlung der CDU ist die SPD unter den beiden Volksparteien die linke Partei. Inhaltlich schließlich könnte es zeitgemäß sein, eine liberale Wirtschaftsordnung mit Ökologie und sozialer Gerechtigkeit in größtmöglichen Einklang zu bringen. Hätte, wäre, könnte – ganz schon viel Konjunktiv. Und doch: Wenn man zweimal drüber nachdenkt, könnte es voreilig sein, diese Option beiseite zu wischen. Sie ist realer und reeller als es auf den ersten Blick scheint.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des „Cicero“ und schreibt regelmäßig an dieser Stelle.