Kolumne: Berliner Republik: Kleiderordnung im Regierungsviertel

Kolumne: Berliner Republik : Kleiderordnung im Regierungsviertel

Die Deutschen mögen ihre Politiker bodenständig, was ja auch einen Teil der Beliebtheit von Kanzlerin Angela Merkel erklärt. Extravaganzen, beispielsweise bei der Kleidung, stoßen auf Kritik.

Allein Worte und Taten zählen in der Politik - so die graue Theorie. In der Praxis spielt die Optik aber doch eine große Rolle. Wie hätten es sonst die Turnschuhe des ersten grünen Landes-Umweltministers Joschka Fischer oder die Strickjacke von Helmut Kohl ins Haus der Geschichte schaffen sollen?

Allein die Kanzler: Bei Helmut Kohl waren es die gigantischen Körperausmaße, die immer eine Rolle spielten. Gerhard Schröder konnte sich von seinem Brioni-Image der ersten Monate im Amt nie gänzlich befreien. Und über die Optik von Merkel wurde so lange diskutiert, bis Star-Friseur Udo Walz mit ihrem Haupthaar zufrieden war und die Blazer gut saßen. Nun spielt noch eine Rolle, zu welchem Ereignis die Kanzlerin ihre schwarz-rot-goldene "Schland-Kette" anlegt. Auch die mehr oder weniger vorhandenen Pfunde unter ihren bunten Blazern bleiben Thema. Ihr ist es offensichtlich gelungen, sich dem Geschmack der Wähler anzupassen. Die Deutschen mögen ihre Politiker solide, unauffällig, bodenständig, insbesondere beim Kleidungsstil.

Während beispielsweise französische Ministerinnen die Schuhe gerne hochhackig und die Röcke sehr kurz tragen, erfreut sich in deutschen Kabinetten der nicht allzu figurbetonte Hosenanzug größter Beliebtheit. Ausreißer von diesem Schema gibt es unter deutschen Politikerinnen wenige. Erwähnt sei die frühere Grünen-Chefin Claudia Roth, die dafür aber auch immer viel Spott und Häme einstecken musste.

Die weiblichen Abgeordneten im Parlament machen an Tagen, an denen ausführliche Fernsehübertragungen erwartet werden, gerne mit knallbunten Oberteilen auf sich aufmerksam. Unter den Politikerinnen ist das durchaus ein Thema, wie man sich aus der Masse auch optisch abhebt. Gelegentlich kommt es auch vor, dass man untereinander nicht kommentiert, wie die Rede war, sondern per SMS kundtut, dass die Jacke toll aussah.

Bei den Herren ist die Auswahl, optisch auf sich aufmerksam zu machen, geringer. Sie können sich allenfalls Markenzeichen zulegen. Beim früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher war dies der gelbe Pullunder. Der frühere Berliner Bürgermeister Walter Momper und auch der Grüne Hans-Christian Ströbele legen gerne einen roten Schal um. Der Alterspräsident im Bundestag, Heinz Riesenhuber, trägt seit 40 Jahren im Parlament Fliege statt Krawatte. Die jüngeren männlichen Abgeordneten vermeiden es eher, sich Kleidungsstücke wie Marotten zuzulegen. Aber auch sie experimentieren. Als die Liberalen noch im Bundestag saßen, sah man gelegentlich den heutigen FDP-Chef Christian Lindner mit löchrigen Jeans durchs Regierungsviertel laufen.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
Mehr von RP ONLINE