Kolumne: Berliner Republik: Griechen haben die Hitze nicht vertragen

Kolumne: Berliner Republik : Griechen haben die Hitze nicht vertragen

Odysseus hat seinen Matrosen Wachs in die Ohren gestopft und sich selbst an den Mast gebunden, damit die Mannschaft den Sirenengesängen nicht erliegt. Die Griechen haben sich nicht an dem Mast gegurtet.

Es muss Zeus selbst gewesen, Obergott der griechischen Götter, zuständig für Blitz, Donner und Sonnenschein, der uns dieses Heißluftgebiet direkt aus der Sahara hierher gelenkt hat, just an jenem Wochenende, an dem in griechenland über das Schicksal Europas abgestimmt wurde.

Die Griechen, gewöhnt an mehr als 40 Grad im Schatten, sind leider auch dem Hitzestau erlegen am Sonntag. Sie sind der Manipulationsmaschinerie ihrer Regierung erlegen, die ihnen mit allen Mitteln der Suggestion und der Demagogie erfolgreich eingeredet hat, sie seien besser dran, wenn sie Europa und seinen harten Vorgaben ein Nein entgegen schmetterten.

Odysseus hat seinen Matrosen Wachs in die Ohren gestopft und sich selbst an den Mast gebunden, damit die Mannschaft den Sirenengesängen nicht erliegt und des Todes ist. Die Griechen haben sich nicht an dem Mast gegurtet und sind ihren beiden Sirenen in den Untergang gefolgt. Der eine, Regierungschef Alexis Tsipras, rief erst ein Referendum innerhalb einer guten Woche aus, um dann weiter einen wirren Vorschlag nach dem andern zu unterbreiten. Der andere, Giannis Varoufakis, gab in dieser Woche sogar Interviews mit Motorradhelm auf dem Kopf, ein schwarzer Helm vor einem Wald aus Mikrofonen. Am Sonntag dann redete er von Terrorismus der EU, von einem heiligen Moment und von Goebbels-Methoden. Es könnte tatsächlich etwas dran sein an den Reden seiner Ex-Kollegen an der Uni Athen, die ihn alle für ein wenig gestört halten. Jetzt hat er sich mit seinem Rücktritt auch noch zum Märtyrer stilisiert. Bei diesen Temperaturen darf man sagen, was das ist: Hirnverbrannt.

Das, was Tsipras und Varoufakis abgezogen haben, ist so dilettantisch, das sich daran schon große Verschwörungstheorien knüpfen, sie wollten als Avantgarde einer Weltlinken den Finanzkapitalismus und die dahinter stehenden USA in die Knie zwingen. Das ist Quatsch. Sie sind einfach nur Stümper .

Jetzt aber ist Zeit für einen Neuanfang. Die Hitze der vergangenen Tage hatte aus uns allen Griechen gemacht. Und was die Schaffenskraft beziehungsweise die angebliche Antriebsarmut der Griechen anlangt, gab es auch ein gutes Signal. Wer bei über 3000 Inseln innerhalb einer Woche so ein Referendum auf die Beine stellt und durchzieht, kann so faul und unorganisiert nicht sein. Die SPD hat seinerzeit für die Mitgliederbefragung zur großen Koalition sechs Wochen gebraucht.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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