Kolumne: Berliner Republik: Geheimnisse hinter der blauen Wand

Kolumne: Berliner Republik : Geheimnisse hinter der blauen Wand

Jeder kennt aus dem Fernsehen die blaue Wand der Bundespressekonferenz. Prominente erklären hier ihre Politik. Aber nur wenige wissen, was tatsächlich dahintersteckt: ein Verein, der heute 65 wird.

Für Franz Müntefering war der SPD-Vorsitz das "schönste Amt neben Papst". Doch selbst als Parteichef war Müntefering bei seinen Auftritten in der Bundespressekonferenz nur Gast. Vielleicht gehört in den Reigen der schönsten Ämter deshalb auch der Vorsitz der Bundespressekonferenz, kurz: BPK. Denn wie das Amt des Papstes gibt es das nur einmal in der Welt. Nirgendwo sonst ist eine komplette nationale Regierung dreimal in der Woche zu Gast eines Vereins von Hauptstadtkorrespondenten, um sich all ihren Fragen zu stellen.

Natürlich funktioniert ein solcher Ämtervergleich nur ironisch. Denn der Papst bestimmt den Kurs für eine Milliarde Gläubige, der SPD-Chef für eine halbe Million Genossen. In meiner Rolle als Vorsitzender der Bundespressekonferenz habe ich den 914 Hauptstadtkorrespondenten nichts vorzuschreiben; ich kann nicht einmal in politischen Fragen in ihrem Namen sprechen. Denn dazu gibt es im Extremfall 914 verschiedene Positionen.

Der komplett ehrenamtlich arbeitende Vorstand und seine professionell aufgestellten Kräfte in der BPK-Geschäftsstelle bemühen sich aber, den Puls der Bundespolitik vor der blauen Wand ertastbar und nachvollziehbar werden zu lassen: Wir laden diejenigen ein, die etwas zu sagen haben oder zu sagen haben werden, die uns mehr als nur Randaspekte beleuchten können.

Dabei gibt es natürlich kein Gesetz, das potenzielle Gäste zwingt, sich den Fragen der Hauptstadtpresse zu stellen. Und oft vertrauen auch Spitzenpolitiker den Empfehlungen, sich lieber in geschützten Räumen den Medien zu stellen, in denen sie selbst die Fäden in der Hand behalten, statt sich den Journalisten auszuliefern. Doch scheint das "Standing" eines Politikers in der Öffentlichkeit viel damit zu tun zu haben, ob er sich von Zeit zu Zeit den Fragen der BPK-Mitglieder stellt. Wer hier besteht, steht ganz anders da. Wer nicht, ist meist auch nicht lange im Amt.

Das ist nicht jedermanns Stärke. Manche scheuen die Gefahr, vor laufenden Kameras "gegrillt" zu werden. Andere blühen erst richtig auf. Als Vizekanzler Sigmar Gabriel jüngst unter ein Trommelfeuer kritischer Fragen geriet, war auch auf dem Platz neben ihm deutlich zu spüren, wie der SPD-Chef mit jeder Attacke nur noch mehr Energie aufnahm und ausstrahlte. Vermutlich wurde sein Ministerium auch deshalb von "Wirtschafts-" in "Wirtschafts- und Energieministerium" umbenannt. Gabriel führt übrigens die Bestenliste mit 23 BPK-Auftritten in einem einzigen Jahr aus seiner Zeit als Umweltminister an.

Auch die dreimal wöchentlich fixierten Regierungspressekonferenzen mit dem Regierungssprecher und den Sprecherinnen und Sprechern aller Ministerien sind alles andere als erstarrte Routine. Geht es hoch her in der Welt- oder Innenpolitik, füllt sich auch der Saal, und die Regierung erlebt den ersten Test, ob sie mit ihrer Argumentation die Beobachter zu überzeugen vermag.

Der "Bedeutungsverlust der Bundespressekonferenz" gehört zur Standardklage, seit es sie gibt. Sie kann das auch künftig Lügen strafen, wenn sie sich weiterhin an den wandelnden Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientiert. Längst gehören auch Blogger dazu.

Und was ist nun hinter der blauen Wand? Ein Raum mit einem Aufzug für Gäste, für die die Treppenstufen zu beschwerlich sind. Und ein Kühlschrank mit vielen Wasservorräten - damit die Gäste nicht heiser werden, wenn es mal wieder hoch hergeht.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(may-)