Kolumne: Berliner Republik: Ein Präsident, den Fußballfans verdienen

Kolumne: Berliner Republik : Ein Präsident, den Fußballfans verdienen

Noch immer reiben sich alle die Augen: Sepp Blatter ist als Fifa-Präsident wiedergewählt. Wie konnte das passieren? Die Antwort muss lauten: weil zu viele Menschen gerne das korrupte System Fußball unterstützen.

Zum Fußball habe ich eine ordentliche Distanz. Immer wieder einmal habe ich öffentlich gestanden: Ich finde Fußball als Sport öde. Meistens grobschlächtig und immer ein bisschen ordinär. Was mich aber interessiert, elektrisiert und fasziniert, sind Macht und Politik und alles, was damit einhergeht. Und damit sind wir mittendrin. Bei Sepp Blatter, der Fifa und dem Fußball.

Der Fall fasziniert mich. Ich lese alles dazu. Wobei: Alles stimmt nicht ganz: Ich lese dazu weniger den "Kicker", "Elf Freunde" oder die im Moment sehr fußballbigotte "Bild". Ich lese dazu am liebsten die "Financial Times". Dort geht es bei Blatter und der Fifa vor allem um die Substanz, aus der der Skandal in seinem Kern besteht: ums Geld - aus dem, so der Vorwurf der Ermittlungsbehörden, zum Teil Schmiergeld wurde.

Es ist so: Korruption taucht da auf, wo Macht und Geld zusammenkommen. Im Fußball und dessen internationalem Dachverband kommt beides zusammen. Seine "Familie" nennt Blatter liebevoll die 1,6 Milliarden Menschen auf der Erde, die aktiv oder passiv dem Fußball verfallen sind. Das Problem: Sie speisen das System Blatter, schmieren es mit ihrem Konsumverhalten, sorgen dafür, dass Sponsoren Milliardensummen investieren - haben deshalb also den Präsidenten, den sie verdienen. Ein anderes Konsumverhalten würde alles ändern. So wie keiner Antibiotikahühnchen aus Geflügel-Gefängnissen kaufen muss oder Billigjeans aus Bangladesch. Man kann das schon machen. Aber dann darf man sich nicht zugleich über einstürzende Textilfabriken empören. Genau das aber machen Fußballfans, wenn sie sich über die Fifa und Blatter aufregen.

Der wahre Hebel setzt an der Ursache an: beim Geld. So wie seinerzeit beim Radsport. Mit dem Doping war erst Schluss, als die Markenartikler sich zurückzogen, die Sponsoren und die Fernsehsender. Seither gibt es keine Tour de France mehr, wie wir sie kannten. Das wird beim Fußball nicht passieren. Denn die Menschen werden nicht aufhören, Fußball zu gucken. Auch nach der Ära Blatter nicht, wann immer sie endet. Dann wird es wieder einen Blatter geben, der nur anders heißt.

Wäre Blatter ein deutscher Minister, wäre die Logik folgende: Entweder wusste er von den Vorgängen in seinem eigenen Haus , dann hat er selbst Fehler gemacht und muss gehen. Oder er wusste nichts davon, hat deshalb seinen Laden nicht im Griff und muss umso mehr gehen. Man mag das politische System für vieles zu Recht zeihen und das politische Personal obendrein. In der Hinsicht ist es vorbildlich. Sein Geheimnis hat einen Namen: Es heißt Demokratie.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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