Kolumne: Berliner Republik: Die Trunkenheit des Bundespräsidenten

Kolumne: Berliner Republik : Die Trunkenheit des Bundespräsidenten

Joachim Gauck ist ein Mann, der sich selbst die Tränen der Rührung in die Augen reden kann. Ein Mann, oft trunken an sich selbst. In diesem Rausch merkt er manchmal nicht, wie unklug das ist, was er gerade tut.

Wir Medienmenschen sind bigott. Wir führen Interviewpartner mit manchen Fragen in Versuchung und ereifern uns hinterher als Kollektiv, wenn sich jemand in Versuchung führen ließ. Aber: Was niederträchtig wirkt, muss genau so sein. Die Medien müssen das Stöckchen hinhalten. Keiner muss darüber springen. In Versuchung führen, der Versuchung erliegen oder ihr widerstehen - das sind die Regeln eines Rollenspiels, das zu unserer Demokratie gehört.

Das war bei Gerhard Schröder so, als er gefragt wurde, ob es sich bei Wladimir Putin um einen lupenreinen Demokraten handle. Fortan ist er der Ex-Kanzler, der Putin als lupenreinen Demokraten bezeichnete. Und das ist jetzt so, als Bundespräsident Joachim Gauck gefragt wurde, ob die Linke schon so weit weg von den Vorstellungen der SED sei, "dass wir ihr voll vertrauen können".

Gauck ließ sich auf die Grundaussage ein, im Unterschied zu Schröder machte er sich sogar die Begrifflichkeit zu eigen und ging über den Zungenschlag der Frage noch hinaus. Er stellte aufgrund der Historie der Linkspartei das geplante Bündnis von Rot-Rot-Grün in Thüringen infrage.

Völlig losgelöst von der Partei, die diese Aussage des Präsidenten betrifft: Das geht über jede Grenze seiner Rolle hinaus. Ein Präsident kann, soll und muss sich in gesellschaftliche Fragen einmischen. Parteipolitisch aber ist er zur Neutralität verpflichtet. Es ist nicht einfach eine Geste, dass der Bundespräsident seine Mitgliedschaft in einer Partei ruhen lassen muss für die Dauer seiner Amtszeit. Damit verbunden ist die Erwartung, dass er seine Rolle als oberster politischer Notar des Staates ohne parteipolitische Einfärbung wahrnimmt.

"Was erlauben Gauck?" Das ist also die Frage. Und sie hat wieder etwas Bigottes: Weil sich viele zu Recht einen Präsidenten wünschen, der sich mehr als mancher seiner Vorgänger einmischt.

Die nächste Frage ist: Warum tut Gauck das? In diesem Fall spielt die eigene Biografie eine Rolle, ganz klar. Aber vor allem ist es Gaucks Eitelkeit. Dieser Präsident ist ein Mann, der sich selbst die Tränen der Rührung in die Augen reden kann. Ein Mann, oft trunken an sich selbst. Ein Mann, der alles schon deshalb für bedeutend hält, weil er es denkt und sagt.

In diesem Rausch seiner selbst merkt er manchmal nicht mehr, wie unklug das ist, was er gerade tut.

Und die Lösung? Joachim Gauck sollte sich weniger an sich selbst begeistern. Und wir alle könnten ihm dabei helfen: Indem wir ihn in seiner zweiten Hälfte der Amtszeit nicht weiter so bedingungslos toll finden wie in der ersten.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation mit "Cicero". Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)