Kolumne: Berliner Republik: Die Hoheit über den Bürgersteig

Kolumne: Berliner Republik : Die Hoheit über den Bürgersteig

Noch nicht einmal nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 kamen so viele Teilnehmer zu Solidaritätskundgebungen wie infolge des Terrors von Paris. Die vielen Demonstrationen zeigen auch die Ohnmacht gegenüber der Realität.

Der alte Preußen-Spruch, wonach Ruhe oberste Bürgerpflicht sei, gilt nicht mehr. Vielmehr gehen immer mehr Bürger auf die Straße, um wahlweise gegen den Islam oder wiederum gegen die Islamgegner zu demonstrieren. Die Anschläge von Paris haben eine bisher nicht gekannte Welle von Solidaritätsbekundungen hervorgerufen. Die erste Mahnwache fand sich in Deutschland schon am Tag des Anschlags in Berlin vor der französischen Botschaft zusammen. Am Sonntag kamen rund 1,5 Millionen Franzosen und Gäste aus dem Ausland zu einem Trauermarsch nach Paris. Bundeskanzlerin Angela Merkel hakte sich dabei beim französischen Staatspräsidenten Hollande unter. So viele Menschen gingen nicht einmal nach den Anschlägen des 11. September 2001 in den USA auf die Straße.

Die überwältigende Resonanz in Paris mag darin begründet sein, dass sich die Europäer in der Stunde der Trauer und der Wut über den Terror an ihre Wurzeln von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit erinnern. Sie wurden auf der Straße erkämpft und können auch auf der Straße verteidigt werden.

Dass die öffentliche Kundgebung nicht nur den Bürgern, sondern auch den Politikern zur Artikulation dienen kann, versteht sich. SPD-Chef Sigmar Gabriel rief daher am Tag nach dem Attentat zu einer großen Kundgebung in Deutschland auf. Innerhalb der großen Koalition kam dieser Akt der Solidarität mäßig gut an, da CDU und CSU vor dem öffentlichen Vorstoß nicht eingeweiht worden waren. Die Kundgebung soll es dennoch geben.

Bei allem Bedürfnis zum Schulterschluss wird mit den Demonstrationen auch Politik gemacht. So regt sich die "Je suis Charlie"-Bewegung zu Recht darüber auf, dass auch die anti-islamische Bewegung "Pegida" einen Trauerflor für die Opfer von Paris anlegen will. Gehören doch die toten Karikaturisten zu jener Gruppe, die von "Pegida" als "Lügenpresse" beschimpft wird. Dass "Pegida" den Montag als Demo-Tag besetzt, ist ohnehin eine Unverfrorenheit. 1989 gingen die Menschen unter Einsatz ihres Lebens für Freiheit und offene Grenzen auf die Straßen. Von den "Pegida"-Demonstranten riskiert niemand etwas.

Die vielen Demonstrationszüge in diesen schweren Tagen zeigen Macht und Ohnmacht zugleich. Je größer die Menge auf der Straße ist, desto mächtiger sind sie auch als Wähler und als Einflussfaktor auf die öffentliche Debatte. Zugleich belegt die Teilnahme an Demonstrationen eine Ohnmacht gegenüber dem, was geschieht oder geschehen ist. Je häufiger Politiker auf solchen Zügen zu sehen sind, desto nachdenklicher muss das einen jeden stimmen.

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(qua)