Kolumne: Berliner Republik: Der Wirt, der Wolfsbarsch und die Flüchtlinge

Kolumne: Berliner Republik : Der Wirt, der Wolfsbarsch und die Flüchtlinge

Das Paradies reagiert wie der portugiesische Wirt: mit Abwehrreflexen. Das wird alles nicht nutzen. Schimpfen hilft nicht, Hunde helfen nicht, Zäune auch nicht. Europa muss sich konstruktiv mit den Asylsuchenden befassen.

Das Lesegerät ging nicht. Der fangfrische Wolfsbarsch vom Grill war köstlich, der Blick auf den Atlantik am Strand unterhalb von Lissabon fantastisch. Aber jetzt, bei der Rechnung, ging das Lesegerät nicht. "Haben sie das Radar wieder aufgeschaltet, dann sind immer alle Lesegeräte tot hier unten am Strand, alle", sagte der Wirt. "Sind wohl wieder welche im Anmarsch." Der Wirt erzählte von den Booten, manchmal würden auch Leichen angespült. "Ich mag sie nicht", sagte der Wirt abschätzig - das große Thema dieses Sommers hat uns im Urlaub eingeholt. Drastisch, plastisch, konkret. Dort, wo die Kitesurfer ihre kühnen Kapriolen schlagen, genau dort landen auch die Flüchtlinge an Portugals Küste. Erholung und Überlebenskampf zeitgleich auf engstem Raum.

Und das Paradies reagiert wie der Wirt: mit Abwehrreflexen. Das wird alles nicht nutzen. Schimpfen hilft nicht, Hunde helfen nicht, Zäune auch nicht. Europa und insbesondere das Lieblingsziel Deutschland müssen sich konstruktiv mit diesem Thema befassen.

Zum ersten müssen tatsächlich mehr Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden. Denn so populistisch es klingt, so wahr ist es auch: Wir können nicht alle aufnehmen, denen es in ihrem Land schlechter geht als hierzulande unter einfachsten Bedingungen.

Zweitens muss ein neues Einwanderungsrecht her. Denn das Leid dieser Menschen trifft hier auf einen dringenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften, weil das komfortable Leben in Deutschland viele zu bequem gemacht hat, noch Kinder in die Welt zu setzen. Dieses Einwanderungsgesetz wird kommen, auch wenn die CSU dagegen ist.

Drittens schließlich muss klar sein, dass alle Menschen aus dem Bürgerkriegsgebiet der Terrormiliz IS zunächst hier bleiben können. Dass wir ihnen Schutz und Erholung gewähren. Bei jenen müssen wir auch nicht reflexhaft davon ausgehen,dass sie alle bleiben wollen. Die meisten werden zurückwollen, wenn der Krieg vorüber ist. Denn Heimat ist nicht nur ein Ort. Heimat ist ein starkes Gefühl. Das zeigt sich an den Reflexen des portugiesischen Wirts, die in uns allen mehr oder weniger stark ausgeprägt sind - das Gefühl, dass die Heimat diesen Ansturm an Leuten nicht verkraftet.

Wir sollten diesem Reflex die Vernunft entgegensetzen. Gewähren wir Kriegsflüchtlingen Schutz, geht es ihnen und uns besser: ökonomisch und ethisch-moralisch.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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