Berliner Republik: Der Scheinriese Sigmar Gabriel

Berliner Republik : Der Scheinriese Sigmar Gabriel

Auf die Euphorie am Abend der Europawahl folgt die Ernüchterung. Viele Versprechen hat der Parteichef gemacht, wenig ist davon übrig geblieben.

Es geht doch nichts über einen schönen Rausch, in den man sich selbst hineingesteigert hat. Was haben die Sozialdemokraten gejubelt am Wahlabend in ihrem Tempel der Autosuggestion, dem Willy-Brandt-Haus in Berlin. Nicht endenden Beifall versuchte Parteichef Sigmar Gabriel scheinbar mäßigend zu dämpfen - wie ein Talkmoderator das Publikum besänftigt, das die Einklatscher vorher scharfgemacht haben. Und dann immer wieder die gönnerhafte Handbewegung hin zu Martin Schulz, dem Spitzenkandidaten der europäischen Sozialisten, dem Europäer der Herzen, dessen Wahl zum Kommissionspräsidenten der Europäischen Union nur noch eine Formsache zu sein schien. Jedenfalls reklamierte Sigmar Gabriel mit breiter Brust den Posten für seinen Martin Schulz, der einen Wahlkampf ohnegleichen hingelegt habe.

So ein Rausch der Autosuggestion hat seinen Kater in der Lächerlichkeit, der man sich später preisgeben muss, wenn alles nicht so kommt. Stück für Stück mussten Gabriel und die SPD ihre anmaßenden Ansprüche abrüsten, erst den Kommissionspräsidenten, dann den Vize, schließlich sogar die Idee, dass Schulz als Parlamentspräsidenten die ganze Legislatur durchziehen darf, anstatt - wie es Straßburger Sitte ist - in der Halbzeit gegen einen Konservativen ausgetauscht zu werden.

Scheinriese SPD, Scheinriese Gabriel.

Und wenn man schon erstens kein Glück hat, dann sorgt man oft auch noch selbst für sein Pech. Es wird bis auf Weiteres Gabriels Geheimnis bleiben, welche geniale Strategie ihn dazu bewogen hat, die Stabilitätskriterien der Europäischen Union bei einem Spaziergang durch eine Werkhalle im französischen Toulouse gewissermaßen im Vorbeigehen - en passant, wie der Franzose sagt - infrage zu stellen.

Dieser Einsatz für die Schuldenländer und gegen die Kanzlerin mag sachlich nicht komplett verkehrt sein (am Ende überwiegen die Argumente dagegen) - auf alle Fälle ist es Wahlkampfgift im eigenen Land, und die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg stehen vor der Tür. Die Wahlkämpfer Martin Dulig (Sachsen), Heike Taubert (Thüringen) und Dietmar Woidke (Brandenburg) können dann ja auf dem Marktplätzen erzählen, warum es sein muss, mit deutschem Geld die Schuldensünder des Südens rauszuboxen.

Möglicherweise aufgrund solcher Hinweise hat Vizekanzler Gabriel entsprechend schmalbrüstig beteuert, was er fordere, befinde sich im Einklang mit der Position der Kanzlerin und sei im übrigen gängige Praxis.

Das nehmen wir mal so hin. Dann bleibt nur noch die Frage, warum er es dann gesagt hat.

Und so klebt die SPD weiter bei ihren 23 bis 24 Prozent in den Umfragen fest, während Merkel mit den deutschen Fußballern in Brasilien in die Dusche geht. Eine echte Koalitionsoption auf dieser Basis? Nicht in Sicht. Der SPD-Chef raunt gelegentlich in Hintergrundrunden in Berlin, er wisse, was die SPD in der letzten Koalition falsch gemacht habe und wie sie es diesmal machen müsse. Was er damit meint, behält er für sich. Bisher ist sein Plan auch auf offener Bühne noch derart geheim, dass nicht einmal Konturen davon zu erkennen sind.

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(RP)
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