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Längere Akw-Laufzeiten nötig?: Koalition zweifelt an Zeitplan für Energiewende

Längere Akw-Laufzeiten nötig? : Koalition zweifelt an Zeitplan für Energiewende

In der Regierungskoalition wachsen die Zweifel an einer raschen Umsetzbarkeit der Energiewende. Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) bringt sogar längere Akw-Laufzeiten ins Gespräch. Umweltminister Peter Altmaier bekräftigt den eingeschlagenen Kurs.

Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) sagte der "Welt am Sonntag", bisher reduziere sich die Energiewende darauf, "dass wir die Atomkraftwerke abschalten wollen, aber die Konsequenzen nicht zu Ende gedacht haben". Fuchs brachte längere Akw-Laufzeiten ins Gespräch.

Fuchs sagte der Zeitung, er zitiere den grünen Umweltminister von Baden-Württemberg, der zugegeben habe: "Es kann durchaus sein, dass das eine oder andere Akw doch länger laufen muss als geplant." Die Regierung habe "die Kostenseite überhaupt nicht im Griff" und gefährde wichtige Teile der industriellen Wertschöpfungsketten.

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle sagte, es sei "ein überaus ehrgeiziges Ziel", den Anteil der erneuerbaren Energien in zehn Jahren auf 40 Prozent zu erhöhen. Möglicherweise müssten mehr Gas- und Kohlekraftwerke gebaut werden als zunächst gedacht.

Aus der Wirtschaft kam erneut die Mahnung zu einer verlässlichen Planung, etwa vom Aufsichtsratschef des Energiekonzerns Eon, Werner Wenning. Die Energiewende sei der größte Eingriff in die Wertschöpfungskette der deutschen Industrie, den es je gegeben habe, sagte er der "Welt am Sonntag". Vattenfall-Europe-Chef Tuomo Hatakka forderte "durchdachte, marktbasierte Konzepte" und nicht "kurzfristige neue Regulierung".

Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte, das "Grundproblem" der Regierung sei, dass sie nicht an die Energiewende glaube. Ob der neue Umweltminister Altmaier den Umbau der Energieversorgung vorantreiben könne, werde sich vor allem daran entscheiden, "ob er sich gegen die Kohle- und Atomlobby in den eigenen Koalitionsreihen entscheidet", sagte Özdemir der Zeitung.

Altmaier: "Kernenergie in Deutschland ist Geschichte"

Altmaier selbst zeigte sich optimistisch. "Es wird kein Zurück geben" sagte er der "Welt am Sonntag". "Die Kernenergie in Deutschland ist Geschichte." Die Akzeptanz der Atomenergie in Deutschland sei nach Unglück im japanischen Fukushima vor über einem Jahr nicht mehr vorhanden gewesen und es gebe sie bis heute nicht.

Die Energiewende bezeichnete der Minister als "bislang größte Herausforderung" in seinem politischen Leben. Trotzdem fühle er sich darauf "gut vorbereitet". Er habe gelernt, zu regieren und über Ressortgrenzen hinweg Kompromisse auszuhandeln.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte am Sonntag im Deutschlandfunk, die Energiewende sei "in einer Weise das herausragende innenpolitische, wirtschaftspolitische Projekt dieser Legislaturperiode". Altmaier finde einen "herausragenden Rückhalt in der Union, in der Koalition". Dadurch bekomme die Energiewende auch "neuen Schwung".

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Energiewende stockt

Die vor rund einem Jahr beschlossenen Energiewende kommt seit Monaten kaum voran. Probleme macht vor allem der Ausbau der Stromnetze, die bislang kaum auf die dezentrale Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen ausgelegt sind. Zudem fehlen leistungsstarke Nord-Süd-Trassen, um den norddeutschen Windstrom zu Industriezentren in Süd- und Westdeutschland zu bringen.

Umstritten ist auch der Neubau fossiler Kraftwerke als vorübergehender Ersatz für die Atomkraft. Ungelöst bleibt die Frage eines Endlagers für den bereits entstandenen und noch entstehenden Atommüll.

ilo/gt

AFP

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(AFP)