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Pläne von SPD und Union: Koalition bereitet Verbot für Schönheits-OPs bei Jugendlichen vor

Pläne von SPD und Union : Koalition bereitet Verbot für Schönheits-OPs bei Jugendlichen vor

Ein neuer Busen zum Abitur, ein schlanker Po zur Konfirmation – plastische Chirurgie ist schon bei Jugendlichen verbreitet. Seit Jahren warnen Gesundheitspolitiker vor kosmetischen Eingriffen bei Minderjährigen und einem "verirrten Schönheitsideal", angeheizt durch Castingshows wie "Germany's next Topmodel". Jetzt bringen Union und SPD offenbar tatsächlich ein Verbot auf den Weg.

Ein neuer Busen zum Abitur, ein schlanker Po zur Konfirmation — plastische Chirurgie ist schon bei Jugendlichen verbreitet. Seit Jahren warnen Gesundheitspolitiker vor kosmetischen Eingriffen bei Minderjährigen und einem "verirrten Schönheitsideal", angeheizt durch Castingshows wie "Germany's next Topmodel". Jetzt bringen Union und SPD offenbar tatsächlich ein Verbot auf den Weg.

Wie die Frankfurter Rundschau am Montag berichtet, sollen nach dem Willen von Gesundheitspolitikern aus Union und SPD Schönheitsoperationen bei Minderjährigen ohne medizinischen Grund künftig verboten werden. Beide Seiten hätten sich bei ihren Koalitionsverhandlungen darauf verständigt, eine entsprechende Regelung in dem für 2014 geplanten Präventionsgesetz zu verankern.

Das Vorhaben taucht in dem am vergangenen Mittwoch unterschriebenen Koalitionsvertrag zwar nicht explizit auf. Die Gesundheitspolitiker vereinbarten dem Bericht zufolge das Verbot aber informell, als es um die Inhalte des Präventionsgesetzes ging.

Der Patientenwunsch reicht

Nach früheren Angaben der Union betreffen etwa zehn Prozent aller kosmetischen Eingriffe Menschen im Alter von weniger als 20 Jahren: In konkreten Zahlen sind das 100.000 Jugendliche jährlich. Rechtlich ist das bislang unbedenklich. Selbst für weitreichende Eingriffe wie Brust-OPs oder Fettabsaugen reicht bei Minderjährigen die Zustimmung der Erziehungsberechtigten aus.

Zwar gibt es seit 2002 eine Empfehlung des Europäischen Parlaments, Brustimplantationen bei Frauen unter 18 Jahren nur aus medizinischen Gründen zu erlauben. Tatsächlich sind solche Eingriffe aber in Deutschland weiterhin mit Einwilligung der Erziehungsberechtigten erlaubt. Eine vorherige medizinische Begutachtung muss nicht erfolgen.

Abschreckendes Vorbild USA

Schon seit Jahren beraten Fachpolitiker über gesetzliche Einschränkungen. Noch im Mai hieß es, ein Verbot sei wegen rechtlicher Bedenken nicht durchsetzbar. Das Gesundheitsministerium verwies dazu auf verfassungsrechtliche Einwände. Das Recht auf Selbstbestimmung der Betroffenen, das Recht auf elterliche Sorge und die Berufsfreiheit für Mediziner stünden einer Neuregelung im Wege. Was nun den Meinungsumschwung auslöste, ist unklar.

Experten befürchten seit langem, dass der Schönheits-Wahn amerikanischer Prägung nach Deutschland überschwappen könnte. In den USA hat der Umgang mit vermeintlicher Schönheit und plastischer Chirurgie schon längst bizarre Ausmaße angenommen. Die Brust-OP zum Schulabschluss hat sich dort längst als Geschenk zum Schulabschluss etabliert.

Schon Kinder haben sehr konkrete Vorstellungen

Doch auch bei Jugendlichen in Deutschland hat das Thema Schönheit bereits pathologische Züge angenommen. Erst im Oktober zeigte eine Umfrage für das "LBS-Kinderbarometer", dass schon Neunjährige ein Bewusstsein dafür entwickelt haben. Demnach haben 14 Prozent der neun- bis 14-Jährigen in Deutschland schon einmal über eine Schönheits-OP nachgedacht. Zwei Prozent tun dies sogar oft oder sehr oft und dies schon sehr konkret.

Sie können bereits klar benennen, was sie an ihrem Körper als defizitär empfinden: Am häufigsten wollen sie den Zahlen nach Fett entfernen lassen (52 Prozent), danach folgen die Behandlung von Hautunreinheiten (31 Prozent) und die Korrektur der Nase (23 Prozent). Die Rangfolge, welche Körperregionen verändert werden sollten, ist ähnlich wie bei den Erwachsenen: Fettabsaugen, Hautunreinheiten beseitigen, Nasen-, Brüste-, Ohren- und Augenoperationen.

Auch Verantwortung der Ärzte gefragt

Friedhelm Güthoff vom Deutschen Kinderschutzbund beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. "Ich rate Eltern davon ab, ihren minderjährigen Kindern Schönheitsoperationen zu erlauben", so Güthoff. Viel mehr helfe dem Nachwuchs ein stabiles Selbstbewusstsein und die Stärkung des Gefühls "Ich bin okay, so wie ich bin."

Die seit Jahren vernehmbaren Rufe nach einer gesetzlichen Einschränkung finden nun allem Anschein nach Gehör. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht auch deswegen Handlungsbedarf, weil es zu wenig Selbstbeschränkung der Ärzte gebe. Es gehe nicht um medizinisch notwendige Operationen, sondern um echte Schönheitseingriffe wie Brustvergrößerungen, Brustverkleinerungen oder Fettabsaugungen. "So etwas müsste schlicht und ergreifend bei unter 18-Jährigen verboten sein und auch unter Strafe stehen für die Chirurgen, die das machen", forderte Lauterbach schon vor Jahren.

Tätowierungen bleiben erlaubt

Eine Ausnahme soll die neue Verbots-Regelung dann machen, wenn ein medizinischer Grund für eine Schönheitsoperation vorliegt, beispielsweise, wenn die Betroffenen auf Grund ihres Aussehens massive seelische Probleme haben. Begründet sind plastisch-chirurgische Eingriffe auch zur Korrektur von Fehlbildungen der Hand oder bei der Behandlung von Verbrennungsfolgen.

Piercings oder Tätowierungen bei Minderjährigen sollen dem Bericht zufolge auch nach einem Verbot von Schönheits-OPs erlaubt bleiben.

Beide Parteien wollen demnach zudem alle Patienten im Bereich der Schönheitschirurgie besser vor einer unqualifizierten Behandlung bewahren. Dazu soll der Begriff der kosmetischen Chirurgie und die dafür notwendige fachärztliche Ausbildung genau definiert und die Berufsbezeichnung geschützt werden. Bisher kann in Deutschland jeder zugelassene Arzt Schönheitsoperationen auch ohne eine entsprechende Weiterbildung anbieten.

(AP/AFP/RP)