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Gastbeitrag zur Sparkassen-Affäre: Klüngel - ein Erklärungsversuch

Gastbeitrag zur Sparkassen-Affäre : Klüngel - ein Erklärungsversuch

Düsseldorf (RP). Stephan Grünewald, Autor des Buches "Deutschland auf der Couch" hat für unsere Redaktion die Sparkassen-Affäre zwischen Köln und Düsseldorf unter die Lupe genommen.

Klüngel ist nicht verwerflich ­- sondern eine Überlebensstrategie. Er ist demokratisch und dient dem Gemeinwohl. Nur leider wird der Begriff oft für Fälle wie Korruption oder die gerade aufgeflogene Sparkassen-Affäre zwischen Köln und Düsseldorf angewendet. Dabei gilt es, beides streng voneinander zu trennen. Der Klüngel ist das eine. Konrad Adenauer lieferte uns die kürzeste Definition: Man kennt sich, man hilft sich. Klüngel ist alles, was das Zusammenleben erleichtert. Von diesen kleinen Gefälligkeiten profitieren alle und bleiben im Gespräch.

Darüber hinaus gibt es eine tiefere Bedeutung. Im Wortsinn bedeutet Klüngel ein Fadenknäuel. Darin verknäulen sich die individuellen Schicksalsfäden. Sie sollen so miteinander verschnürt sein, dass niemand untergeht und jeder wie in einem Netz aufgefangen wird. Das ist guter Klüngel: eine angewandte Alltags- und Lebensversicherung. Das Rheinland ist besonders virtuos darin, Fäden zu spinnen. Das liegt an seiner Unentschiedenheit. Die Kölner beispielsweise wollen gleichzeitig Metropole und Herz der Welt sein, aber auch Kaffeebude und Gemütlichkeit. Beides geht nicht.

Der Versuch, die Quadratur des Kreises zu schaffen, ist aber eine Voraussetzung für gutes Klüngeln. Denn der Mensch bleibt dabei in verschränkter Bewegung miteinander ­- wie beim Schunkeln. Und er hat einen Blick für die Sorgen seiner Nachbarn und Bekannten. Er lässt sich erweichen und ist bereit, etwas zu tun, das nicht im Gesetz steht, sondern dem Herzen entspringt. Die Rheinländer sind Weltmeister in dieser Art der Welt-Betrachtung.

Die Gefahr besteht jedoch immer, dass sich der Klüngel verhärtet und daraus feste, mafiöse Strukturen werden. Da beginnt der Unterschied: Klüngel dient dem Gemeinwohl, von Korruption dagegen profitieren nur wenige, und alle anderen sind ausgeschlossen. Besonders anfällig dafür sind Menschen, die eine gewisse Angst haben, ohne Korruption im Wettbewerb zu unterliegen. Dazu gehört eine ausgeprägte asoziale Ader, die die persönliche Vorteilsnahme über das Gemeinwohl stellt. Ein Problem, mit dem wir es immer häufiger zu tun haben, weil soziale Werte und Gerechtigkeitsstandards immer stärker dem persönlichen Gewinnstreben weichen. Immer mehr Menschen wollen ihr Glück maximieren und gleichzeitig den Aufwand minimieren. Sie wollen quasi auf Knopfdruck reich oder schön werden. Korruption hilft dabei, den Aufwand zu reduzieren.

Den Beitrag hat Stefanie Winkelnkemper aufgezeichnet