Klimastreik in Berlin: Fridays for Future schreibt Demo-Geschichte.

Weit über 250.000 Menschen auf den Berliner Straßen : Klimabewegung schreibt Demo-Geschichte

Fridays for Future ruft auf, Millionen folgen. Alleine in Berlin waren am Freitag weit mehr als 250.000 Menschen auf der Straße. Eindrücke aus einer in Teilen lahmgelegten Stadt

Für Optimisten ist es fünf vor zwölf fürs Weltklima, für Pessimisten fünf nach zwölf. Wie zum Kompromiss haben sie sich gemeinsam am Freitag um Punkt zwölf vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelt. Großeltern haben ihren Enkel mitgebracht und recken ein selbstgebasteltes Plakat in die Höhe. Auf ihm steht "Rettet die Bienen und das Klima". Ein paar Meter weiter hält eine Gruppe Plakate des evangelischen Hilfswerks "Brot für die Welt". Die Kommunisten von der MLPD verteilen Flyer. "Der Kapitalismus ist das Problem", heißt es dort. Und überall: Kinder, Jugendliche, ganze Schulklassen.

Sie alle sind zum Klimastreik von Fridays for Future gekommen. Vor rund einem Jahr hat die heute 16-jährige Greta Thunberg die Bewegung begonnen, als sie sich mit ihrem „Schulstreik für das Klima“-Schild vor das schwedische Parlament setzte. Schüler auf der ganzen Welt machten es ihr nach und gehen seitdem jeden Freitag auf die Straße. Jetzt, vor dem UN-Klimagipfel am Wochenende in New York, hat Fridays for Future zum weltweiten Klimastreik aufgerufen. Es ist noch Nacht in Deutschland da gehen in Australien schon Hunderttausende auf die Straße. In Deutschland folgen dem Aufruf mindestens 1,4 Millionen Menschen, machen die Proteste zur größten Demo der Nachkriegsgeschichte. In Großstädten wie Köln und Hamburg demonstrieren jeweils rund 70.000. Aber auch in kleineren Städten gehen Tausende auf die Straßen. Mehr als 570 Veranstaltungen sind zuvor angemeldet worden.

Zur Demo in Berlin kommen nach Angaben von Fridays for Future über eine Viertelmillion Menschen. Nur ein kleiner Teil von ihnen kann die Redner vor dem Brandenburger Tor wirklich sehen. Die Menschen stehen bis zur Siegessäule. Viele schaffen es nur bis in die Nebenstraßen oder den angrenzenden Tiergarten.

Von der Bühne ruft ihnen Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer zu: "Wir werden nicht aufhören." Es sei klar, dass die Politik nicht das Nötige tue. Ein Seitenhieb gegen das wenige Meter weiter um einen Kompromiss ringende Klimakabinett der Bundesregierung. Sea Watch-Kapitänin Carola Rackete übt Selbstkritik. "Wir Erwachsenen sind Schuld daran, dass die Welt stirbt", sagt sie. Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen wirft der Politik vor, 30 Jahre geschlafen zu haben. „Wir müssen nicht das Klima retten, wir müssen uns retten“, ruft er.

Es treten auch weniger bekannte Redner auf. Künstler, Wissenschaftler, Aktivisten. Nicht immer geht es ums Klima. Manchmal auch um LGBT-Rechte oder Kapitalismuskritik. Die Menge jubelt jedem zu. Dazwischen: "Wer nicht hüpft, der ist für Kohle"-Sprechchöre und Konzerte. Die Reggae-Band Culcha Candela spielt ihren zwölf Jahre alten Sommerhit „Hamma“ und fordert die Menge zum Gruppentanz. Ein Erlebnis irgendwo zwischen Festival und politischem Protest.

Während die Kundgebung am Brandenburger Tor noch läuft, sind in den Nebenstraßen schon Zehntausende unterwegs. Mit Trommeln und Plakaten bewegt sich der Demonstrationszug langsam durch das Regierungsviertel. Auch auf den Bürgersteigen ist an vielen Stellen kein Durchkommen mehr. Das Zentrum der Hauptstadt ist völlig lahmgelegt. Nur vereinzelt verirren sich Autofahrer zwischen das Meer aus Demonstranten. Sie stranden an einer der zahlreichen Polizeiabsperrungen.

Der Protest in Berlin ist vielfältig. Oftmals ist nicht ganz klar, wo die eine Demonstration endet und die andere beginnt. Oder ob es sich überhaupt um eine offizielle Demonstration handelt. Nicht nur „Fridays for Future“ hat zu Protesten aufgerufen. Wirtschaftsvertreter der Gruppe „Entrepreneures for Future“ demonstrierten vor dem Bundesfinanzministerium. Am Potsdamer Platz startet am Nachmittag zu lauten Bässen ein Klima-Rave der Berliner Party- und Clubszene.

Und dann gibt es noch diejenigen Aktivisten, denen das Plakate basteln nicht weit genug geht. Die Tier- und Pflanzenschutz-Bewegung „Extinction Rebellion“ organisiert Straßenblockaden und ruft zu zivilem Ungehorsam auf. Bereits am morgen legen zudem mehrere Hundert Radfahrer für eine Stunde den Berufsverkehr rund um den Ernst-Reuter-Platz im Westen der Stadt lahm. Sie fahren einfach immer im Kreis. Dass parallel eine Stellwerkstörung den Zugbetrieb der Berliner S-Bahn lahmlegt, verdeutlicht passenderweise gleich die Herausforderungen der Verkehrswende.

Greta Thunberg, das Mädchen mit dem alles begann, befindet sich anlässlich des UN-Klimagipfels gerade in New York. Bevor sie dort am Klimastreik teilnimmt, lässt sie sich per Livestream in ihre Heimatstadt Stockholm schalten. Sie schwärmt von den Demonstrantenzahlen in Australien und Berlin. „Es ist unglaublich, was wir zusammen erreicht haben. Es ist ein historischer Tag“, sagt sie. Die Menge jubelt ihr zu. An diesem Tag fühlt es sich an wie eine weltweite Bewegung.

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