Berlins Regierender Bürgermeister wird 60: Klaus Wowereit - vom Sonnenkönig zum Bruchpilot

Berlins Regierender Bürgermeister wird 60 : Klaus Wowereit - vom Sonnenkönig zum Bruchpilot

Er ist einer der schillerndsten Politiker in Deutschland: Klaus Wowereit, der dienstälteste Ministerpräsident und Berlins Regierender Bürgermeister, wird heute 60 Jahre alt.

Zum Feiern hat er derzeit kaum Anlass. Am 1. Oktober wird Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) 60 Jahre alt - nur gut eine Woche nach dem erneut schlechten Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl, auch in der Hauptstadt. Nicht nur seine traditionsreiche Partei, die in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag feiert, steht in der Wählergunst abgeschlagen da. Auch Wowereit hat schon viel bessere Zeiten erlebt.

Der derzeit mit mehr als zwölf Amtsjahren dienstälteste Ministerpräsident hat den Zenit seiner Macht und Strahlkraft überschritten, urteilen nicht nur politische Gegner. Doch Wowereit wäre nicht Wowereit, wenn er nicht noch mal aus dem gegenwärtigen Popularitätstief aufsteigen wollte. Diese Stehaufmännchen-Fähigkeit hat der Politiker, der vor 40 Jahren in die SPD eintrat, oft bewiesen.

Der uneheliche Sohn einer Putzfrau hat sich aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet. Wowereit studierte als einziges der fünf Geschwister - Jura. Den unbedingten Willen zum sozialen Aufstieg, seine politische Antriebskraft beim Thema Soziale Gerechtigkeit, habe ihm seine Mutter mitgegeben, wie er in seiner 2007 veröffentlichten Autobiografie schreibt.

"Regierender Partymeister"

Es gibt wohl keinen anderen Länder-Regierungschef mit so vielen Facetten - einer, der deswegen oft polarisiert. Vom Tabu-Brecher ist die Rede, der gleich zu Beginn eine Koalition mit der SED-Nachfolgerin PDS wagte, vom "Regierenden Partymeister", vom profunden Kenner der Haushaltszahlen, vom strengen bis cholerischen Senatschef, vom "Sonnenkönig" (O-Ton Opposition), vom Homosexuellen, der als erster deutscher Spitzenpolitiker den Mut hatte, sich vor seiner Wahl 2001 zu outen. Mit diesem Mix schaffte er es 2005 auch auf das Titelbild des US-Magazins "Time".

Seinem Aufstieg in der Berliner SPD ging ein eiskalt kalkulierter Koalitionsbruch voraus. Nach der CDU-Parteispenden- und Bankenaffäre drängte der damalige SPD-Fraktionschef Wowereit seine Partei, nach zehn Jahren die für die SPD verheerende große Koalition mit der CDU platzen zu lassen. Die SPD als Juniorpartner war in der Zeit von 30,4 Prozent auf ihr historisches Tief von 22,4 Prozent abgestürzt.

Aus dieser traumatischen Erfahrung heraus sind Wowereit und mit ihm die Berliner SPD heute strikt gegen eine erneute große Koalition im Bund. Im Land regiert er seit Ende 2011 wieder mit der CDU - jedoch als Chef.

Entschiedenes Eintreten gegen Diskriminierung

Am 16. Juni 2001 kam der damals 47-Jährige durch das einzige Misstrauensvotum in der Nachkriegsgeschichte Berlins an die Macht. Die PDS mit ins Regierungsboot zu holen, brachte Wowereit damals schärfste Kritik der Union ein. Vom "Steigbügelhalter für die Kommunisten" war die Rede. Doch die 2001 in den Köpfen der Menschen noch immer geteilte Stadt rückte auch näher zusammen. Wowereit machte die SPD wieder zur führenden Regierungspartei.

Auch seine Kritiker aus der Opposition bescheinigen Wowereit heute, dass er durch seine offene Art, sein entschiedenes Eintreten gegen jegliche Diskriminierung, sein Talent, mit Menschen jeden Alters und jeder Herkunft zu reden, Berlin zu einer der weltweit beliebtesten Metropolen gemacht hat. Seit mehreren Jahren holt Berlin auch wirtschaftlich auf. 150.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden seit 2005. Mit einem strikten Sparkurs verhinderte der Senat unter Wowereits Führung, dass der eklatante Schuldenberg Berlins so schnell wuchs wie zuvor.

Katastrophe nicht rechtzeitig erkannt

Einer der schwärzesten Tage war für Wowereit der 6. Januar 2013. Da sickerte durch, dass sein Prestigeprojekt - die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens - zum vierten Mal verschoben werden musste - auf einen bis heute unbekannten Termin. Wowereit legte den Vorsitz des Aufsichtsrates nieder. Wer ihn kennt, weiß, dass es niemanden mehr wurmt als ihn selbst, dass er die offensichtliche Katastrophe nicht rechtzeitig erkannte und verhinderte.

Kübelweise wurden Häme und Spott über den SPD-Politiker gekippt. Seine Beliebtheitswerte rauschten über Monate in den Keller. Die eigene Partei diskutierte nur halb verhohlen, wer ihn wann beerben sollte. Heute ist in der Berliner SPD wieder unstrittig, dass Wowereit selbst den Termin für seinen Rückzug bestimmt. Wann das sein wird, weiß niemand - vielleicht bis jetzt noch nicht mal er selbst. Gern frotzelt er, dass er 2016 erneut als Spitzenkandidat antreten könnte.

Derzeit bereitet Wowereit seinen Abgang aus der Bundespolitik vor. Beim SPD-Parteitag in Leipzig im November will er nach vier Jahren seinen Stellvertreterposten frei machen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wowereit: Pragmatiker und Partylöwe

(dpa)