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Ärzte-Präsident Hoppe im Interview: Kindheit bestimmt die Gesundheit

Ärzte-Präsident Hoppe im Interview : Kindheit bestimmt die Gesundheit

Düsseldorf (RP). Im Interview mit unserer Redaktion klärt Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, über schlechte Lebensgewohnheiten der Deutschen, vorzeitige Entlassungen im Krankenhaus und die aktuelle Gesundheitsreform auf.

Kümmern sich die Deutschen genug um ihre Gesundheit?
Hoppe: Nein, die Deutschen kümmern sich nicht genug um Vorsorge. Dabei ließen sich viele Krankheiten vermeiden, wenn mehr Menschen sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben und regelmäßig zur Vorsorge gehen würden. Diabetes II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch einige Krebs-Leiden wären häufig vermeidbar.

Welche Krebs-Leiden?
Hoppe: Wer raucht, bekommt leichter Lungen- oder Blasenkrebs. Wer übermäßig Fleisch isst, erhöht sein Risiko, an Dickdarm-Krebs zu erkranken. Während der Magenkrebs zurückgeht, nimmt der Dickdarmkrebs zu. Offenbar eine neue Zivilisationskrankheit.

Was kann man tun?
Hoppe: Studien haben ergeben, dass die ersten sechs Lebensjahre entscheidend für die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten sind. Leider sind viele Kinder zu lange Zeit sich selbst überlassen. Sie lassen sich dann von Dingen faszinieren, die nicht gut für sie sind: stundenlanges Fernsehen oder Spielen am PC, ungesundes Essen. Hier sind die Eltern in der Pflicht. Wichtig ist aber auch, Lehrer und Erzieher verstärkt für Gesundheitserziehung zu interessieren. Dazu hat die Ärztekammer ein Programm für Lehrer, Eltern und Ärzte entwickelt, das viele Grundschulen im Rheinland heute schon erfolgreich anwenden. Die Kinder haben Spaß daran.

Was ist mit finanziellen Anreizen in Form von mehr Selbstbeteiligung?
Hoppe: Geld kann erzieherisch wirken. Das zeigen die Erfahrungen mit dem Bonusheft beim Zahnarzt. Daher ist es gut, dass Patienten nun mit einem ähnlichen Heft zur (Krebs-)Vorsorge angehalten werden. Bislang herrschte bei vielen eine Rundum-Sorglos-Mentalität. Sie glauben, dass sie mit der Bezahlung ihres Kassenbeitrags genug für ihre Gesundheit getan haben. Jedoch darf sich der Staat auch nicht in alles einmischen und mechanistisch das Arzt-Patient-Verhältnis bestimmen.

Die Gefahr besteht in Kliniken?
Hoppe: Grundsätzlich ist die Einführung der Fallpauschalen durchaus sinnvoll. Doch die Deutschen sind über das Ziel hinaus geschossen. In anderen Ländern finanzieren Fallpauschalen höchstens 50 Prozent der Krankenhauskosten, bei uns 90 Prozent. Die Folge: Dem Arzt sitzt immer der Controller im Nacken - und damit unbemerkt auch dem Patienten, der von seinem Arzt zu Recht die bestmögliche und nicht die kostengünstigste Behandlung erwartet.

Gibt es blutige Entlassungen?
Hoppe: Im übertragenen Sinn: ja. Die Krankenhäuser entlassen zu viele Patienten, die noch nicht in der Lage sind, allein zuhause zurecht zu kommen. Das ist vor allem für Singles, die in Großstädten wie Düsseldorf oder Köln 60 Prozent der Haushalte ausmachen, ein Problem.

Ulla Schmidt will immer mehr Medizinische Versorgungszentren (MVZ), in denen mehrere Fachärzte zusammenarbeiten . Gut für die Patienten?
Hoppe: MVZ sind sinnvoll, wenn sie helfen, die Versorgung in Landstrichen wie der Uckermark zu sichern, in denen es Ärztemangel gibt. Doch Frau Schmidt will offenbar, dass die MVZ die niedergelassenen Fachärzte ersetzen.

Was heißt das für die Patienten?
Hoppe: Wenn es nicht um Leben und Tod geht, müssen Patienten manchmal zwei Jahre auf eine Operation wie den Einsatz eines künstlichen Kniegelenks warten. In Holland und England gibt es die Fachärzte um die Ecke nicht, die bei uns zusammen mit den Hausärzten für das hohe Niveau der ambulanten Medizin sorgen.

Was halten Sie von den jüngsten Reformbeschlüssen?
Hoppe: Die Reform erschließt keine Finanzquellen, aus denen sich der medizinische Fortschritt für alle bezahlen ließe und aus denen Ärzte fair zu honorieren wären. Wollte man alles bezahlen, was künftig medizinisch möglich ist, müssten die USA 30 Prozent des BIP für Gesundheit ausgeben. Jetzt sind es 15.

Was halten Sie von den Beschlüssen zur privaten Krankenversicherung (PKV)?
Hoppe: Die SPD will, dass die PKV ausgezehrt wird und auf Dauer mit der gesetzlichen Krankenversicherung verschmilzt. Die CDU macht da mit, obwohl das nicht ihrer Programmatik entspricht. Offenbar erkennt sie nicht, dass der Basistarif der Einstieg in das Ende der PKV ist.

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